Die Sommerfrische kehrt zurück.

Den Begriff der „Sommerfrische“ verstehen und kennen heutzutage eigentlich nur noch wir Österreicher so wirklich. Was er bedeutet? So etwas wie „Die Landlust der Städter“ vielleicht. Doch es ist viel mehr, immer noch: Die Sommerfrische kehrt zurück.

Grundlsee Sommerfrische
Der Grundlsee am Morgen

Die Sommerfrische hat wieder Saison

Warum hat sie wieder Saison? Weil es bei uns in Österreich sommers zunehmend heißer wird. Die letzten drei Jahre waren die wärmsten seit 170 Jahren und es wird noch heißer. Der Gedanke an eine „Sommerfrische“ kommt dabei erfreulich temperiert daher und ist immer noch durchgängig positiv besetzt. In unseren Ohren klingt dies nach Pritscheln im See, rauschenden Flüssen und kühlen Wäldern. In MEINEN ganz persönlichen Ohren klingt es übrigens nach Altaussee, Grundlsee, Kamptal, Ötschergräben und vor allem nach Flussbaden und Sommertheater.

Baden in den Ötschergräben Sommerfrische
Meine persönliche Sommerfrische: Flussbaden im Grand Canyon Österreichs, den Ötschergräben

Hochsommerliche „Abkühlungsangebote“ à la Sommerfrische-Nostalgie an Flüssen und Seen sowie in den Bergen werden deswegen auch von immer mehr österreichischen Tourismusregionen in die Tourismuskonzepte eingearbeitet. Oder die Angebote zumindest mit „Sommerfrische“ betitelt. Der Hitze der Stadt kann man aber auch nur für ein Wochenende entkommen, etwa bei einem Ausflug in die Ötscherregion, an den Lunzer See, ins Kamptal oder in eine Klamm der Wiener Alpen. So wie früher den gesamten Hausstaat für einige Monate aufs Land zu verlegen, das ist heute nicht mehr zeitgemäß. Sommerfrische heutzutage, das ist eine Auszeit von der Stadt Richtung See, Fluss, Wald und Sommertheater – mit Kind und Kegel und in eine Unterkunft, die weniger Luxus als Naturnähe und vermeintliche Einfachkeit vermittelt.

bad ischl sommerfrische
Radlpause an der Ischl – mit Wasserung. Und dann in die Kurkonditorei auf einen Eiskaffee.

Längst wird die neue Sommerfrische auch von Hotel-Unternehmern, die wie ich ein Faible für den Begriff und das Feeling (nebst zusätzlich noch das nötige Investitionskapital) haben, vermarktet. Dazu vielleicht eine renovierte Jugendstilvilla in der passenden Region der Wiener Alpen oder in Gastein und das Geschäft läuft. Zumindest bei einer betuchten Clientèle von heute. Für weniger zahlungskräftige Sommerfrische-Fans mit Kind, Kegel und Hund sind Familienbauernhöfe, Literaturfestivals, Kulinarik am Berg und Sommertheater in erfrischenden Regionen im Angebot. Aber da geht noch mehr – ich weiß es.

wartholz sommerfrische
Beim Schloss Wartholz in Reichenau
wiener alpen sommerfrische
Kaffeetrinken mit Stil in den Wiener Alpen anno 2019

 

„Aus Aflenz wird uns gemeldet, daß der Besuch der Sommerfrische wegen zu großer „Frische“ sehr schwach sei. Gleiches verlautet aus…“ 

Das Neue Wiener Tagblatt vom 30. 6. 1902 weiß, was Sache ist. Das Wetter. Denn wenn der Sommeraufenthalt der Familie wochenlang dem Schnürlegen ausgesetzt ist, wird die familiäre Stimmung in der Sommerfrische schnell frostig. Das war vor 100 Jahren nicht anders als heute.

schneeberg sommerfrische
Schneeberg Blick vor dem aufziehenden Gewitter

 

Ein Hoch auf die Sommerfrische 2019. Meine ganz persönlichen Tipps.

Refugien & Retro-Hotels – Wasser & Wirtshäuser 

Meine persönlichen Sommerfrische Hot Spots in Österreich
rax sommerfrische
Der 20 Schilling Blick an der Rax Südbahn
sommerfrische ausseerland grundlsee
Grundlsee am Morgen
gastein
Das Gasteiner Tal
Flussbaden Ötschergräben sommerfrische
In den Ötschergräben beim Gumpenbaden
Im Almkanal

Theater goes Sommerfrische: Meine liebsten Sommertheater in Österreich

Wenn das Burgtheater und die Josefstadt in der Sommersaison ihre Tore geschlossen halten, werden die Schauspieler von jeher gerne an die Sommertheater in Österreich engagiert. Im letzten Jahrzehnt hat das Sommertheater inkl. Oper, Operette und Musical geradezu einen Boom erlebt. Kein Ort, der auf sich hält und nicht eine Bühne im Park, am Berg oder am Fluss bespielt – oder gar selbst ohnehin fixe Sommertheaterlocations hat wie Ischl, Baden oder Reichenau.

salzburg festspiele sommerfrische
Kultursommer Outfit

Für Theaterfreunde wie mich gibt es demnächst natürlich auch einen extra Sommertheater Artikel zum Kultursommer 2019 – meine liebsten Locations, Tipps für Premieren anno 2019 und wie immer ein paar Gschichtln rundumadum.

Kultursommer Österreich

Was gehört dazu zur echten Sommerfrische?

Das alles braucht meine perfekte Sommerfrische in Österreich
  • Wasser: See oder Fluss. Besser beides.
  • Berge oder Hügel zum Wandern oder Spazieren
  • ein Kurbad, eine Therme oder ein belebender Wasserfall
  • Kurkonditoreien und Kaffeehäuser
  • Promenaden und Esplanaden
  • Gastgärten und Schanigärten
  • Picknick, im Ausseerland Steirerkasbrot  und Most
  • Ruderboot und Luftmatratze
  • Sommerspritzer oder Radler
  • Villen-Feeling
  • Langsamkeit
  • Fahrräder
  • Nasser Hund
  • Viele Bücher und noch mehr Bücher
wasserfall sommerfrische
Unvergleichlich: Der Gasteiner Wasserfall. Keiner klingt wie er. Und keiner ist so gesund wie er.

In Österreich ist immer mehr Sommerfrische drin.

In Österreichs Tourismusregionen lernt man den Begriff „Sommerfrische“ mittlerweile zu schätzen – und auch zu verkaufen, das ist unverkennbar. Hier ein paar Ideen zusätzlich zu meinen persönlichen Hot Spots:

Die Sommerfrische der WELT VON GESTERN

Wer ging einst auf Sommerfrische? 

Dennoch: Die Sommerfrische von einst konnten sich nur die leisten, die es sich leisten konnten. Das Großbürgertum aus den großen Städten der Donaumonarchie: Mit Sack und Pack, Bediensteten, Köchin, Kindern und Equipagen verfügte sich die Familie unter der Ägide der Hausfrau für die heißen Sommermonate von Wien in die Villa am Attersee, Wörthersee oder Grundlsee. Das männliche Oberhaupt blieb in der Stadt und kam am Freitag nach. Oder auch nicht.

Einzelreisende begaben sich in Hotels, Curhäuser, Pensionen, Privatzimmer und Gasthäuser. Im Juni begann man zusammenzupacken und nach des Kaisers Geburtstag am 18. August ging es langsam wieder heimwärts in die Stadt – zu den Verlockungen der Kaufhäuser, der Oper und der Theater. Natürlich nahm man die Bahn, für das letzte Stück die Kutsche oder man ging zu Fuß und nahm sich einen Träger.

grundlsee sommerfrische
Der Grundlsee. Hier hatten viele Wiener Großbürgerliche ihre Villen. Auch die Auchenthallers – Stichwort Grado.

 

thalhof sommerfrische
Der Thalhof, an dem Schnitzler jahrelang um die Chefin rumscharwenzelte, während er in Wien weitere Liebschaften unterhielt. Die Wirtin Olga Waissnix starb – weil sie ihrem Mann treu geblieben war. So gehts.
dachstein sommerfrische
Dachsteingletscher im Blick: Das Ausseerland.

Wohin fuhr man zur Sommerfrische einst?

  • Bad Ischl – weil halt der Kaiser auch dort war. So wie in „Der Engel mit der Posaune“.
  • Wolfgangsee – rund um Strobl. Übrigens gleich nach dem Krieg wieder ein Sammelplatz der Künstler und Literaten, die heimkehren wollten. Und noch konnten.
  • Attersee – Klimt und Flöge im Ruderboot, kennt man.
  • Traunsee – eher die Aristokratie
  • Wörthersee – Gustav Mahler mit Freundin, dann mit Frau und Kindern. Es folgte der Attersee.
  • Bad Fusch – an der Glocknerstraße. Bekannt aus „Der Fliegenpalast“* von Kappacher – Hugo von Hofmannsthal am Ort seiner Kindheit
  • Wo bitte ist der vielzitierte „Völser Weiher“ aus „Das Weite Land“*, in dessen Grand Hotel sich alle treffen für die Bergpartien? In den Dolomiten.
  • Thumersbach am Zeller See
  • Henndorf/Wallersee, Stichwort Carl Zuckmayer et.al.
  • Lofer
  • Mattsee nahe Salzburg
  • einfach mit der Badner Bahn in einer Stunde von der Wiener Oper nach Baden
Ischl sommerfrische
Spazierweg an der ischl
Am Wolfgangsee

Weiters kennt man den Begriff der Sommerfrische u.a. auch für den Urlaub am Starnberger See, auf Sylt, in Schleswig Holstein und bei Geschichten von Tschechow oder durch das vielgespielte „Ein Monat auf dem Lande“. Heute gelten auch die Alte Donau und die Lobau ein bisserl als Sommerfrische-Destinationen, oder?

Sehnsuchtsorte an der Adria

Österreich ist ja ganz schön und nett, aber ein bissl mehr Meer ging immer schon. In der Donaumonarchie war das einfach, man setzte sich in die Südbahn und gondelte direkt an die Promenaden, Pensionen und Villen in Abbazia, Triest oder Venedig. Nach Grado war es schon etwas schwieriger, aber spätestens, seit die Wiener Familie Auchenthaller dort ihre legendäre Pension Fortino für die Wiener Bohème eröffnet hatte, wurde die Anreise auch einfacher: Der Chef selbst fuhr sogar mit dem Radl vom Grundlsee (Sommerfrische Villa!) bis nach Grado.

 

Übrigens plante auch Arthur Schnitzler gerne Radtouren von Wien oder dem Semmering aus in den Süden ans Meer. Und der Aufenthalt von Peter Altenberg, Karl Kraus, Georg Trakl, Adolf Loos & „Team“ anno 1913 war ohnehin legendär (nachzulesen siehe Lesetipps unten: „1913“).

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Grand Hotel Kvarner in Abbazia
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Lungo Mare Kaiser Franz Josefs in Abbazia

Bücher und Geschichten: Eintauchen in das Phänomen Sommerfrische

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Joachim Ringelnatz „Sommerfrische“

Zupf dir ein Wölkchen aus dem Wolkenweiß, 
Das durch den sonnigen Himmel schreitet. 
Und schmücke den Hut, der dich begleitet, 
Mit einem grünen Reis.

Verstecke dich faul in die Fülle der Gräser. 
Weil’s wohltut, weil’s frommt. 
Und bist du ein Mundharmonikabläser 
Und hast eine bei dir, dann spiel, was dir kommt.

Und laß deine Melodien lenken 
Von dem freigegebenen Wolkengezupf. 
Vergiß dich. Es soll dein Denken 
Nicht weiter reichen als ein Grashüpferhupf.

(Berlin, 1933)


Recherche:

Hinweis: Der Artikel spiegelt meine persönliche Meinungen wider.

 

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