In und hinter den Kulissen der Salzburger Festspiele – damals wie heute.

„Hinter die Kulissen“ der Salzburger Festspiele kann schnell einer schauen – aber ich war gar IN den Kulissen der Felsenreitschule wiederunterwegs. Mit einem Blick zurück in die Geschichte zu Max Reinhardt.

Hinaufgestiegen in die Arkaden der Felsenreitschule im Mönchsberg

2017 wurden die Salzburger Festspiele vom deutschen Autor Ferdinand von Schirach („Terror“) mit einer bemerkenswerten Rede eröffnet. Der deutsche Strafverteidiger ist der Enkel des NS Reichsjugendführers Baldur von Schirach – er sprach über den Begriff „MACHT“, die aktuelle Machtverschiebung sowie die Macht der Demagogie von heute und zitierte dabei auch Stefan Zweigs vielstrapazierte „Welt von Gestern“.

Die allerersten Salzburger Festspiele im Jahre 1920 sind das Verdienst eines berühmten Theatermannes, der wie Zweig als Flüchtling im Exil starb – Max Reinhardt. 1920 gab man erstmals vier Vorstellungen des Jedermann, 2018 werden es 38 Opernvorstellungen, 58 Schauspielvorstellungen und 89 Konzerte sowie eine Gala Soirée sein. Die Salzburger Festspiele sind heutzutage ein nicht wegzudenkender wirtschaftlicher Faktor – man freute sich 2017 über eine Auslastung von 97 Prozent.

Ich war einige Tage wiederunterwegs in der Salzburger „Theater-Welt von Gestern“, um einen Blick IN die Kulissen der Festspiele zu werfen und rauszufinden, wem wir dieses wirtschaftlich so erfolgreiche Festival eigentlich verdanken. Denn ich will immer auch wissen, wie alles früher war.

Wiederunterwegs in den Gemäuern der Felsenreitschule. TOUCH!

18 Jahre, bevor Max Reinhardt seinen Aufenthalt in den USA dazu nutzen musste, diesen endgültig mit Flucht und Emigration zu verbinden – und bevor er als Jude vom Nazi Regime enteignet wurde – begründete er in Schloss Leopoldskron, das er gekauft, renoviert und mit Antiquitäten aus aller Welt bestückt hatte, mit jener Jedermann Inszenierung die Salzburger Festspiele.

Schloss Leopoldskron: Künstlerschmiede, Schlosshotel, Filmlocation, Gründungsort der Salzburger Festspiele.

Nach einer beispiellosen Karriere als Regisseur an fast allen Berliner Bühnen, dem Aufbau von Schloss Leopoldskron als Dreh- und Angelpunkt der deutschsprachigen Künstlerwelt und der Neueröffnung des Theaters in der Josefstadt als ein „Theater der Schauspieler“, das es bis heute ist, lebte er bis zu seinem Tod 1943 in den USA, wo er auch begraben wurde. Im Salzburg des Jahres 2018 finde ich seine Büste im Foyer des Festspielhauses, seinen Stolperstein in der Nähe von Leopoldskron und seine künstlerischen Spuren – überall, wenn man genau hinsieht, nachliest und nachfragt.

Quelle: Stolpersteine Salzburg

Der bedeutendste Theatermann der deutschsprachigen Welt über mehr als 30 Jahre hinweg – ein Vertriebener wie hunderttausende andere Flüchtlinge damals auch. Einer seiner Söhne, der in den 60er Jahren in Salzburg den Jedermann inszenierte, regte an, zum 90. Geburtstag seines verstorbenen Vaters und Festspielgründers, dessen Urne endlich nach Hause zu holen und in einem offiziellen Festakt in Salzburg beisetzen zu lassen.

Für eine derartige Feier war aber angeblich kein Budget zur Verfügung. (Quelle: Stolpersteine Salzburg).

Seine letzte Inszenierung in der alten Welt war ein Werfel-Stück gewesen: Franz Werfel war später ebenfalls auf der Flucht – zu Fuß gemeinsam mit Alma Mahler und Thomas Mann´s Sohn Golo über die Pyrenäen. Der Bestsellerautor hatte fast zu lange gewartet und war schließlich auf die Hilfe eines „Schleppers“ angewiesen – der Amerikaner Varian Fry sammelte viele „unserer“ Künstler sprichwörtlich letzter Minute in Frankreich und Spanien zusammen und versorgte sie mit Ausreisegenehmigungen, Tickets und Affidavits, aber es gingen kaum mehr Schiffe in die Freiheit.

Der Domplatz im Winter. Ich bin mit dem Radl da.

Viele blieben zurück, kaum ein Land riss sich um noch mehr Flüchtlinge, dabei war es die intellektuelle Elite Europas, die hier auf der Flucht war. Berühmte Künstler ohne Geldsorgen im rettenden Exil wie Thomas Mann und der „fliegende Salzburger“ Stefan Zweig versuchten zu helfen, aber es waren viel zu viele. Flüchtlinge.

Aber zuvor war Reinhardt in Berlin, Wien und Salzburg der Theatermacher, bei dem alle Fäden zusammenliefen: 1920 fand der erste Jedermann auf dem Salzburger Domplatz statt. Gemeinsam mit Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal hatte Reinhardt damit die Salzburger Festspiele aus der Taufe gehoben – die mit Unterbrechungen bis 1937 reüssierten. Wiedereröffnung  nach dem Krieg noch im August 1945, die Kultur konnte nach den langen Jahren der Nicht-Kultur nicht mehr warten. Verständlich.

Der erste Jedermann 1920: Publikumsliebling Alexander Moissi. Der aktuelle Jedermann seit 2017: Tobias Moretti.

HIER gehts weiter zu meinem Bericht über Schloss Leopoldskron – als ich in Reinhardts Bibliothek saß und im Marmorsaal unter den Lustern frühstückte.

In den Kulissenlagern der Felsenreitschule
Auf geschichtsträchtigem Boden des Großen Festspielhauses unterwegs

Die historische Felsenreitschule wurde ebenfalls adaptiert und ab 1926 als Spielstätte genutzt. Das heutige „Haus für Mozart“ erhielt 1927 professionelle Aufführungsbedingungen. In den 1930er Jahren war Salzburg bereits der kulturelle Mittelpunkt Europas neben Bayreuth und in den Sommermonaten hielten sich, ähnlich wie heute, Schauspieler, Enthusiasten und viel kulturell interessiertes „Fußvolk“ wochenlang in der damals kleinen Stadt auf. Max Reinhardt und seine Arbeit sowie sein Leben wurden durch seine jüdische Herkunft allerdings in Salzburg kontroversiell diskutiert.

Haus für Mozart heute

Auch der gehetzte Bestsellerautor Stefan Zweig war hier hergezogen, auf den Kapuzinerberg: Salzburg war klein und verkehrstechnisch für einen Vielreisenden wie ihn günstig gelegen (wenn das Haus am Kapuzinerberg auch ein wenig unwegig gangbar war, aber das war ihm wohl nur recht) – nur zur Festspielzeit war es ihm dem Vernehmen nach – ein wahrer Graus. Auch hatte er, obwohl Hofmannsthal – Verehrer der ersten Stunde, mit den Festspielen nichts zu tun und war höchstens mal einer Probe mit seinem Freund, dem Reinhardt-Sekretär Richard Metzl zu Gast, selten bei einer abendlichen Theater- oder Opernaufführung.

Meistens (aber nicht jedes Jahr) machte er zur Festspielzeit einen großen Bogen um die Stadt und die aufgeregte Gesellschaft rund um Leopoldskron mied er völlig. Seine Frau allerdings nahm im Sommer 1930 sehr wohl eine Einladung zu einem großen Sommerfest nach Leopoldskron an, als Reinhardt „Hof hielt“ – ihre Eindrücke sind nicht ganz frei von zynischen Ressentiments über die Gästewahl und außerdem schreibt sie an Zweig, der gerade in Hamburg chilled („bis der Rummel glücklich abgeströmt ist“): „…Helene Thimig war sehr nett. Aber es war natürlich niemand, der mir nicht seine Verwunderung aussprach, dass Du weg bist. Das hängt mir schon beim Hals heraus.“ 

Zweig war nämlich fast dauernd auf Achse und anstatt zu bloggen, wie wir es heute täten, schrieb er zahllose Briefe von unterwegs. An alle und jeden und nicht immer freiwillig. Jahrzehntelang – ein permanent auf Reisen befindlicher, Briefe schreibender und überall arbeitender Netzwerker. 

Viele Stufen sind es hier herauf – und sie sind noch nicht zu Ende. Als Zweig hier lebte, wedelte wahrscheinlich ein Spaniel zum Gartentor entgegen.
Stefan Zweigs ehemaliges Domizil am Kapuzinerberg

Reinhardts Faust-Inszenierung 1933 war schon bei Entstehung fast legendär: Architekt Holzmeister hatte ihm eine regelrechte „Faust-Stadt“ in die Felsenreitschule (siehe Link: Foto) gebaut, die damals noch einen Blick in den Himmel bot (heute ist sie von einer gefinkelten, mobilen Konstruktion überdacht). Natürlich begann es bei der Premiere zu regnen und man musste ins Festspielhaus übersiedeln.

Der Publikumsraum der Felsenreitschule heute: Überdacht.

Zum Vorsprechen pflegte Reinhardt übrigens zu sich ins Schloss Leopoldskron zu laden: Auch Paula Wessely stand dort im Park und deklamierte, sie war das bejubelte Gretchen dieses Jahres 1933. Eine bemerkenswerte Aufführung aus vielerlei Gründen: Karajan gab hier sein Salzburg Debut als Dirigent, die Machtergreifung Hitlers in Deutschland und damit die 1000 Mark Sperre machten sich wirtschaftlich bemerkbar und führten zu einem eklatanten Besucherrückgang an deutschen Gästen und erstmals wurde eine Wagner Oper bei den Salzburger Festspielen zur Aufführung gebracht.

Die Stimmung in Salzburg war in den Dreißigern immer aufgehitzter und aufgehetzter: Mephisto Max Pallenberg, bei der Probe lässig in der kurzen Hose, wurde in der Kritik bereits mit unverkennbar antisemitischen Tönen abgewertet. Der Antisemitismus gegen die jüdischen Künstler war aber schon viel früher in Salzburg Thema. Der 1930 nach Reinhardt benannte Theatervorplatz war heiß umstritten und wütend diskutiert und Theaterliebling Alexander Moissi war als vermeintlicher Jude nach acht Jahren als Jedermann im Zug einer groß angelegten, antisemitischen Hetze unsanft 1931 hinauskomplimentiert worden (die sogenannte „Moissi-Affaire“ – Anlass: Moissi´s Anwesenheit bei einer „christlichen“ Geburt im LKH Salzburg). Auch Moissi war Gast bei Stefan Zweig am Kapuzinerberg gewesen.

Die Bühne der Felsenreitschule

1938 wurden der Jedermann und der Faust als entartete Kunst umgehend vom Programm genommen, Reinhardt war enteignet (mehr dazu in meinem Bericht vom Schloss Leopoldskron), die meisten jüdischen Künstler hatten bereits Berufsverbot und halb Europa war auf der Flucht.

Der Dirigent der Festspiele Bruno Walter emigrierte 1939 nach New York, Toscanini war schon 1937 geflüchtet. Zweig war bereits die längste Zeit dabei, seinen Haushalt in Salzburg aufzulösen und London als neuen Lebensmittelpunkt und mit neuer Frau aufzubauben. Die beiden Dirigenten sollten seine letzten bedeutenden Gäste am Kapuzinerberg 5 gewesen sein. Als einzige Stadt in Österreich war es Salzburg, in der am 30. April 1938 1200 Bücher am Residenzplatz brannten: Die Werke von Mann, Zweig, Werfel, Kästner und vielen katholischen Autoren wurden, wie 1933 in Deutschland – „dem Feuer übergeben“, wie die Machthaber es nannten.

Ich durfte im Rahmen meiner Salzburg Recherche im Feber 2018 hinter die offensichtlichen Kulissen der Kulissen der Felsenreitschule schauen. Alles was ich gesehen habe, hat mir gefallen – Kunststück, als Theaterliebhaberin. Der Portier fachsimpelte mit mir über eine vergangene „My Fair Lady“ Inszenierung an der Wiener Volksoper, jeder Bühnenarbeiter grüßte freundlich, alle waren hochkonzentriert am Werk – vom Tischler bis zum Lieferanten. Und dennoch ist es mir wichtig, auch zu wissen, was früher hier los war – bei allem was wir tun, müssen wir immer auch zurückschauen, um das Heute zu verstehen. Gerade wir ÖsterreicherInnen. Das ist meine persönliche Meinung und das halte ich auch gerne bei meinen Reiseberichten so.

In den Gängen hinter der Bühne der Felsenreitschule

Während an allen Ecken gebastelt, gehämmert und geprobt wurde, konnte ich die steinernen Arkaden der Felsenreitschule erklimmen und hatte einen Einblick in die dahinter liegenden Gänge und Räumlichkeiten. Es ist kein beileibe kein Luxus, den die Künstler hier bei Auftritt hier vorfinden. Aber gerade das macht diese Location auch aus. Eine in den Fels gehauene Opernbühne, ein Foyer, das eine Reitschule war, Fresken aus dem 17. Jahrhundert – und gleichzeitig modernste Bühnentechnik, ein anspruchsvolles Programm und KünstlerInnen aus aller Welt, die heutzutage nicht mehr auf der Flucht sein müssen. Oder?

Bühne des großen Festspielhauses

Im Probenraum im Schüttkasten neben der Pferdeschwemme werden Sprechproben für den Jedermann abgehalten – oder auch Konzertproben.

Proberaum im Schüttkasten hinter der Pferdeschwemme

Der (namenstechnisch umstrittene) Karl Böhm Saal ist heutzutage Pausenfoyer – hier sieht man noch deutlich, was er vor 300 Jahren wirklich war: Eine Reitschule, die später vom Architekten Clemens Holzmeister im Auftrag von Max Reinhardt umgebaut wurde. Am Ende des Saals sieht man den freigelegten Stein des Mönchsbergs, das immense Deckenfresko stammt aus 1690 (!). Die berühmte Tochter des Architekten, die Burgtheater Schauspielerin Judith Holzmeister, war übrigens Reinhardt Seminar Schülerin, 1950 – 1951 Jedermann Buhlschaft und starb erst 2008.

Der Karl Böhm Saal – mit Deckenfresko und der kalten Mönchsberg Felswand

Sogar in die elitäre Lounge der Förderer, die auch für Pressekonferenzen genutzt wird, durfte ich bei meinem Besuch einen Blick werfen: Die atemberaubende, nicht öffentlich zugängliche Terrasse  eröffnet den Blick Richtung Kapuzinerberg und direkt auf die Franziskanerkirche – der Dom ist versteckt dahinter. Ja, da wäre ich auch gerne Förderer.

Allein: Ich selbst habe bislang nur in private Tickets investiert und auch schon einige Jedermänner erlebt:

Der erste war Klaus Maria Brandauer, gefolgt von Peter Simonischek, Cornelius Obonya und letztes Jahr Tobias Moretti bei der verregneten Abschiedsvorstellung.

2018 erwarte ich mir wieder eine trockene Vorstellung am Domplatz – ich halte mir schon mal die Daumen.

Und wer bis jetzt mit der historisch-lastigen Lektüre durchgehalten hat, bekommt ein Schmankerl am Schluss: Wiederunterwegs in Tracht gewandet und Jedermann – 2017 Tobias Moretti im Alfa – nach der letzten Vorstellung. Auf der Flucht? 🙂

TIPPS:

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HINWEIS: Ich wurde von Salzburg Tourismus zur Recherche eingeladen. Herzlichen Dank für diese großartige Möglichkeit. Hotel Schloss Leopoldskron hat mir dankenswerter Weise die Unterkunft dafür zur Verfügung gestellt. Sehr dankbar bin ich auch Fr. Mag. Ulla Kalchmair, die sich die Zeit genommen hat, meine vielen Fragen zu den Salzburger Festspielen zu beantworten. Die Meinungen, Darstellungen und Interpretationen in obgenanntem Artikel sind meine eigenen.

Verwendete LITERATUR:

 


 

 

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