„Scheint die Sonne noch so schön…“ – Die Raimundspiele Gutenstein

Festspiele gibt es in Gutenstein im Piestingtal seit 1993. Ich war heuer zum ersten Mal dort – und dann gleich bei einer Weltpremiere. Felix Mitterer lieferte ein Stück über das Leben von Ferdinand Raimund und ich weiß jetzt: Der Raimund hatte es seinerzeit auch nicht leicht. gutenstein programmheft

Die Raimundspiele Gutenstein

Mit einer Unterbrechung, in der man eigens geschriebene Musicals („Egon Schiele“, „Gustav Klimt“) aufführte, widmet sich die Location in Gutenstein seit jeher Ferdinand Raimund und seinen Stücken. Seit 2015 ist Andrea Eckert Intendantin und erstmals gibt es 2019 eine Welturaufführung, die sich mit dem Leben von Ferdinand Raimund befasst – nicht mit seinen Werken. Geschrieben von Felix Mitterer eigens für Gutenstein, interpretiert von Burgtheater Schauspieler Johannes Krisch (ja, er darf auch unter Kusej bleiben) und mit einer kleinen, aber wandelbaren Schauspieler Riege auf die Bühne gebracht: Beste Voraussetzungen für ein begeistertes Premierenpublikum im Festzelt und im Park in Gutenstein.

„Brüderlein Fein“ – Die Welturaufführung von Felix Mitterer in Gutenstein

Wenn sich Felix Mitterer eines Sujets annimmt, dann kann man sicher sein, dass er historische Fakten mit einem guten Teil Empathie und Menschenkenntnis verbindet und daraus ein repräsentatives und mitreißendes Bild seines Protagonisten zeichnet. So ist es wohl auch bei seinem „Brüderlein Fein“ über Ferdinand Raimund von statten gegangen. Was wir vorher über Raimund aus Gymnasium Zeiten und aus dem Theaterspielplan ansatzweise wussten – dieses rudimentäre Wissen ist jetzt um einige Facetten bereichert.

Vorher: Zauberspiele und „Volksstücke“, Tollwut, Selbstmord, die ewigen Feenwelt-Parallelstories, brave Couplets und eben Gutenstein im Piestingtal, wohin sich der Meister zurückzuziehen pflegte und wo er auch begraben ist.

Was wir nun nach der Welturaufführung in Gutenstein am 11. 7. 2019 über Ferdinand Raimund wissen? Irgendwie war er eine arme Socke und mit beileibe nicht soviel Charisma und natürlicher Frechheit wie sein späterer Widerpart Johann Nestroy ausgestattet. Er war Hundefreund, Hypochonder, ein Zornbinkel sondergleichen, manchmal unfreiwillig komisch – gute Stimme hatte er keine und mit den Frauen hatte er wenig Glück. Lieber hätte er Tragödien statt Komödien geschrieben, aber das Wiener Publikum stand Schlange, um von ihm unterhalten zu werden: Erst als Schauspieler, dann als Autor von Volksstücken. Tragische Stücke und Rollen wollte man von ihm nicht sehen. Auch das war wohl seine persönliche Tragik.

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Ferdinand Raimund – Wie er wirklich war.

Erst war er Lehrling beim Zuckerbäcker auf der Freyung, dann verkaufte er als „Numero“ Backwaren in den Theaterpausen und später tingelte er als Schauspieleleve durch die Lande. An der Josefstadt debütiert er 1814 als Franz Moor, wird aber dafür kritisiert, seine verehrtesten Kollegen sklavisch nachzuahmen ohne einen eigenen Stil zu haben. Oft wird er belacht und ausgelacht, wenn er dabei unfreiwillig komisch wirkt. Angeblich soll er über sich selbst gesagt haben: „Ich bin zum Tragiker geboren, mir fehlt dazu nix, als die G’stalt und ’s Organ“.

Nach einigen unerfreulichen Zwischenspielen und Affairen lässt er die am Traualtar auf ihn wartende Kollegin Louise Gleich erstmal stehen und entfacht damit einen Theaterskandal in Wien. Das Publikum „zwingt“ ihn quasi zur Hochzeit, unwissend, dass seine zukünftige Frau nicht von ihm, sondern von Graf Kaunitz (eine unrühmliche Akte belegt dessen umtriebigen Frauen-„Käufe“ zu dieser Zeit) schwanger ist.

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Als er unter Zwang dann doch heiratet, wird das Schauspieler Paar und der vermeintliche Sieg der Moral gefeiert. Weil Raimund aber bald hinter die Chose kommt und zudem zu Zornesausbrüchen und Gewalttätigkeit neigt (ihm wird aber auch übel mitgespielt), zerbricht die arrangierte Ehe und die brave, aber ungebildete Sitzkassierin Antonie darf sich emotional wieder um ihn kümmern.

Allerdings ohne offiziellen Segen – Geschiedene dürfen nicht wieder heiraten. Sie macht also keinen guten Griff mit dem Publikumsliebling Raimund, wegen dem man sich damals schon mal stundenlang anstellt, um ihn auf der Bühne als Komiker sehen zu können. Raimund wird Regisseur und will nicht mehr spielen, sondern „echte Kunst“ bieten. Er wird Theaterdirektor in der Josefstadt, danach reist er jahrelang gastspielend durch die Lande.

Ab 1834 hat er in der Nähe von Gutenstein ein Haus, wohin er immer wieder hin zurückkehrt. Zu Haus und Hund – letzterer wird dem Hundefreund zum Verhängnis. Das aber weiß man dann wieder aus der Schule.

Die Premiere bei den Raimundspielen Gutenstein

Wenn man den abendlichen Wiener Stau hinter sich gelassen hat und sich am Parkplatz zwischen Schwimmbad und Fluss in Gutenstein eingeparkt hat, dann kann man aufatmen. Dann ist man in Nullkommanix in der Sommerfrische des Biedermeiertals angelangt und hat den Kopf frei für Raimunds Feenwelt. Die gefühlt halbe Wiener Theaterlandschaft war am 11. Juli bei der Premiere von „Brüderlein Fein“ vorort (die andere Hälfte war wahrscheinlich gerade bei der zeitgleich stattfindenen Premiere in Mörbisch) – Karin Bergmann, Emmy Werner, André Heller, Maria Köstlinger, Proschat Madani, Jürgen Maurer, Harald Sicheritz, Tini Kainrath – waren nur einige, die ich erkannt habe. Daneben natürlich auch politische Vertreter, denn die unzähligen, sehenswerten Sommertheater Events in NÖ gäb es wohl nicht ohne Förderungen und Sponsoren.

Intendantin Andrea Eckert geht während der Raimundfestspiele jeden Tag zum Grab Raimunds am hiesigen Friedhof, um ihn quasi um gute Vibes für die Aufführung zu bitten. Dürfte er gewährt haben, denn das Premierenpublikum war ein sehr dankbares und engagiertes. André Heller soll Raimund einst als „Shakespeare dividiert durch Palmkatzerln“ charakterisiert haben, erzählt Eckert vor Beginn der Vorstellung. Was da wohl der Theatersommer Haag mit seiner heurigen Slapstick-Shakespeare Aufführung dazu zu sagen hätte?

Intendantin Andrea Eckert

Johannes Krisch mit viel Perücke, Körpereinsatz sowie Flausch-Hundehandpupe Ariel ist für gute zwei Stunden Ferdinand Raimund – jetzt kann man sich wirklich plakativ vorstellen, was damals in dessen Leben los war. Krisch spricht genau den Wiener Dialekt, den man sich bei Ferdinand Raimund vorstellen mag. Anna Rieser gibt seine Langzeitfreundin, die Sitzkassierin und „liebe, gute Toni“, die es intellektuell und bildungstechnisch mit ihm intellektuell niemals aufnehmen kann, aber wenigstens bis zuletzt für ihn da war. Krischs Lebensgefährtin Larissa Fuchs spielt Raimunds Kurzzeit-Ehefrau, die man ihm eigentlich untergeschoben hatte.

TAG-Schauspielerin Lisa Schrammel darf als die berühmte Therese Krones, Raimunds jung verstorbene und gefeierte Schauspielkollegin, fungieren (Das Bild in den Sträussel Sälen des Theaters in der Josefstadt stellt Krones dar – in ihrer Rolle als die „Jugend“ im „Bauer als Millionär“). Aus eben der Josefstadt kommt noch Gerhard Kasal, weiters Reinhold G. Moritz (der Sandler aus den „Cop-Stories“ – so erkläre ich meinem Mann immer, wer wer ist 🙂  ) hinzu. Alle außer Krisch haben mehrere Rollen – auch Edu Wildner, der als Mutter Wagner mindestens so authent rüber kommt wie als halbseidener Graf Kaunitz mit reichlich Dreck am Stecken.

(Pressefotos: Raimundspiele Gutenstein, Joachim Kern)

Mitterers Stück reißt die vielen „Baustellen“ im privaten Leben Raimunds nur an – aber so, dass man nachher alles nachlesen und sich mit dessen „nur“ acht Stücken nicht mehr zufrieden geben will. Traurig, aber schön – das „Brüderlein Fein“ Lied:

Scheint die Sonne noch so schön, einmal muss sie untergeh´n.

Den Abschluss machen aber weder „Brüderlein Fein“, noch der Selbstmord. Sondern das Hobellied. Dann ist Licht aus. Standing Ovations.

Entspannte Stimmung in Gutenstein

Im Bleichgarten und Park rund um das Theaterzelt in Gutenstein hat man als Theaterbesucher dankenswerter Weise viel Platz. Zum Schauen, Flanieren, Füße abkühlen und Rumsitzen. Unter den „zauber-haft“ beleuchteten Bäumen, in den gemütlichen Lounge Sesseln, den gelben Gutenstein-Enzis oder bei sonnenbeblumten Heurigen- und Stehtischen. Unaufgeregt und gemütlich – so wie ich mir halt ein Sommerfrische-Theater vorstelle.

Hier arbeiten über 180 ehrenamtliche Gutensteiner am Gelingen der Aufführungen mit und dass man sich schon vor der Pause mit bezahlten Bons eindecken kann, damit das mit dem Trinken dann – wenn´s pressiert – schneller geht, das ist eine ebenso einfache wie geniale Idee. Grün ist es, ruhig ist es und die Festspielgäste haben Platz – das ist ja bei nicht allen Sommertheater Locations so großzügig angelegt. Eine sehr feine Stimmung hier draußen. Oder wie es Johannes Krisch im Interview nennt: Eine „unangestrengte“ Atmosphäre. Ja, das trifft es hervorragend.

 

Rund um die Raimundspiele Gutenstein

Ausflüge rund um Gutenstein und das Piestingtal

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Gutenstein Tipp: Eine Nacht im Wohnwagon

Wohnwagon Max

 

Theresa Steininger hat 2013 mit Wohnwagon die erste Crowdinvesting Aktion Österreichs gestartet. Das Projekt: Einen energieautarken, mobilen Wohnwagon zu entwerfen, zu vermarkten und zu verkaufen. Mittlerweilen sind 12 Wägen verkauft und im Piestingtal stehen zwei, in denen man probewohnen kann. Auch als Besucher der Festspiele Gutenstein – wenn man schnell genug ist mit dem Reservieren.

Mittlerweilen hat die Wohnwagon Crew eine „Dorfschmiede“ in Gutenstein gegründet. Die Vorstellung: Nachhaltig und miteinander leben, arbeiten und wohnen in der Natur. Ein Dorf – ein Kreislauf.

Eine Nacht im energieautarken Wohnwagon

Hinweis: Ich habe für die Premiere am 11.7.2019 zwei Pressekarten erhalten. Der Artikel spiegelt meine persönliche Meinung wider. 

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