Premierenfieber bei der SommerfrischeKulTour in den Wiener Alpen.

Die Premiere einer Uraufführung fand letztens in den Wiener Alpen statt, und das ganz ohne Festspiele und Schauspieler. Denn im Mittelpunkt stand: Die Sommerfrische an der Rax von annodazumals.

Erlesen. Erwandern. Erleben!

Das ist das ungeschriebene Motto dieser erstmalig veranstalteten Tagestour der Wiener Alpen in Niederösterreich, die an die bekanntesten Stätten der Sommerfrische der Jahrhundertwende zwischen Reichenau und Payerbach an der Rax führt. Die rund 15 Premierengäste an diesem regnerischen Sonntag vormittag haben sich das Meiste allerdings bereits längst selbst erlesen.

Der Riegelhof, der Landsitz der Familie Doderer

Sie wissen um die Geschichte und G´schichterln rund um Riegelhof, Knappenhof und Thalhof.

Sie haben ihren Schnitzler intus, wissen, wo die Mahler-Villa in Breitenstein liegt und kennen die NS-Vergangenheit Doderers. Sie sind Theatergänger und/oder Ortskundige, kennen die Familien und Höfe und wissen, worum es geht, wenn man Freuds „Der Fall K.“ anspricht.

Jetzt will man sich die Locations rund um Doderer, Waissnix und Kronich erwandern und in der Retrospektive noch einmal erleben, was hier alles so los war. In den letzten guten 150 Jahren oder mehr. Und zwar unter kundiger Führung.

Gesehen im Knappenhof

Wenn ein solcherart interessiertes, meist weibliches Ausflugspublikum dann auf die kluge und mitreißend erzählende Historikerin, Soziologin und Käthe Leichter Preisträgerin Lisa Fischer trifft, dann ist eine erfolgreiche Premiere vorprogrammiert. Und kein Mensch achtet auf das Wetter, wenn Lisa Fischer bei der Busfahrt zum Riegelhof zu erzählen beginnt.

Stellen Sie sich vor, es ist 1860. Sie kommen am Bahnhof Payerbach an und Sie befinden plötzlich sich in einer vollkommen anderen Welt als zwei Stunden zuvor noch in Wien.

Die Historikerin und Soziologin stimmt uns ein auf den Tag. Mir braucht man das nicht zweimal zu sagen, ich habe soviele Sachbücher, Briefe und Tagebücher von damaligen Zeitgenossen intus – ich bin in dieser Landschaft in nullkommanix im Retro-Feeling begriffen und warte nur darauf, dass Franz Werfel um die Ecke wackelt. Nun ja, vielleicht gerade er nicht schon 1860, aber seit die Semmering Bahn 1854 auch hier eine Station hatte, begann man aus Wien hierherzupilgern.

Der Zwanzig Schilling Blick, nahe dem Kurhaus Semmering

Schnitzler kam oft auch nur für einen Tag heraus, um um die Thalhofwirtin Olga Waissnix herumzuscharwenzeln, die elf Jahre lang platonische Geliebte bleiben sollte. Viel hat ihr ihre den Konventionen der Zeit geschuldete Zurückhaltung leider nicht gebracht, denn sie selbst starb qualvoll an einer Geschlechtskrankheit, die sie sich von ihrem (untreuen) Mann geholt hatte. Schnitzler, der auch während dieser „Liebe“ immer wieder gleichzeitig mehrere Freundinnen in Wien hatte, ging nicht auf ihr Begräbnis.

Der Thalhof in neuer Pracht. Regen gab es immer, drum auch „Sommer-frisch(e)“.

Der Thalhof begründete den Tourismus in der Raxregion, er ist die Wiege der hiesigen Sommerfrische und bei der heutigen Tour unser schallender Schluss-Applaus. Noch sind wir aber am Weg durch das Edlachtal Richtung Riegelhof, der ersten Station unserer SommerfrischeKulTour.

Erster Akt der SommerfrischeKulTOUR: Der RIEGELHOF der Familie Doderer

Vorbei an Karl Farkas´ ehemaliger Villa (ihm gelang in letzter Minute mit dem Zug am 17. 3. 1938 noch die Flucht mit Fritz Grünbaum und er gelangte über die Fluchtroute Lissabon in die USA ins Exil), geht es rauf in den Wald. Die letzten Kehren zum Riegelhof, dem Landsitz Heimito von Doderers (1896-1966), der hier große Teile seiner „Strudlhofstiege“ schrieb, erwandern wir. Nicht ohne Grund, aber das erfahrt Ihr selbst bei der KulTour.

Auf der riesigen Terrasse – der Verlängerung des Salons – wird unsere SommerfrischeKulTour zum spontanen verbalen Schlagabtausch zwischen Historikerin, dem neuen Besitzer des Riegelhofs Dominik Wallner und den Gästen. Wenn Fischer von Doderers NS-Zugehörigkeit und seiner Rehabilitierung durch Hilde Spiel und Hans Weigel, seinem Frauen-Netzwerk und den oft zweifelhaften Liebespraktiken spricht, reden alle mit. Weil jeder hat schon was gelesen darüber und jeder will noch was erfahren. Und das macht die Geschichte hier auf der Terrasse mit dem Blick Richtung Rax höchst lebendig. Sogar der Regen passt dazu.

Das Wasser zum Waschen wurde von den Dienstboten vom Badehäusl ins Haus geschleppt.
Der Salon kommt auf die Terrasse und umgekehrt.
Hier und in Wien geschrieben: Die Strudlhofstiege.

Heute wird der authente Riegelhof (oftmalig von Doderer literarisch verewigt) vermietet: Als Location für Partys und Hochzeiten, für Familienfeten und als Ort der Muße und Ruhe zum „Literatur Sehen“.

Die Schlafzimmer sind für heutige Verhältnisse riesig, top gepflegt und urgemütlich. Einmal mit dieser Fensterfront im Blick aufwachen! Im ehemaligen Arbeitszimmer Doderers liegen noch einige seiner original Utensilien. Dabei der „Arbeitsblick“ aus dem Zimmer. Man mutmaßt über diese oder jene seiner Eigenheiten und schmunzelt über seine privaten Kleidungsstücke.

„Dieses Haus lässt sich nicht besitzen, ich kann es nur begleiten“, sagt Dominik Wallner, der sich als „Entertainer“ am Riegelhof versteht. Manchmal halt, wenn er wieder eine Hochzeit begleitet und staunt, was man aus diesem Hof herausholen kann. Wenn er einen denn lässt.

Domink Wallner vor „seinem“ Riegelhof
Der Arbeitstisch Doderers
Kleiner Seitenhieb

INFO: RIEGELHOF – Landsitz Doderer. Prein 23, 2654 Prein an der Rax

Zweiter Akt der SommerfrischeKulTour: Der Knappenhof

Warum wir nur „Höfe“ besuchen? Weil die ersten Sommerfrischler und TOURisten (man kam in erster Linie hierher, um TOURen auf die Rax zu machen) zunächst bei den Bauersleuten auf deren Höfen wohnten, bis sie ihre eigenen Villen bauten und die Südbahngesellschaft auch die hiesigen Hotelbauten möglich machten. Der Knappenhof steht für Sigmund Freud, ganz klar. Auch Friederike Mayröcker hat hier oft genächtigt.

Der Knappenhof bei Kaiserwetter

Auf dem Weg dorthin passieren wir das ehemalige Arbeiterhaus, in dem Nathaniel Rothschild die Arbeitskräfte für den Bau seines hiesigen Schlosses unterbrachte. Weiß man auch nur, wenn man eine Historikerin dabei hat.

Das einzige 4 Stern Supérieur Hotel der Gegend mit der umwerfend schönen Terrasse ist nach einer Finanzspritze und einer Generalsanierung ein Augenschmaus, vor allem im Intérieur. Neben dem Schwimmbiotop hat die Chefin Brigitte Klenner-Kaindl, selbst Psychotherapeutin, ein Sigmund Freud Zimmer als Gedenkstätte eingerichtet. Im Restaurant werden wir auf ein Mittagessen eingeladen und wer neben unserem „Cicerone“ sitzt (nämlich ich), hat schon gewonnen.

Unsere Tischgespräche drehen sich um Eugenie Schwarzwald, Alma Mahler und Smaragda Berg (Schwester Albans) und ich notiere im Geiste schon wieder ein paar Recherchen, die ich nachholen muss. Bei Kaffee und Kuchen gibt es eine Doppelconférence: Und wieder sprechen wir vom „Fall K.“ – Aurelia Kronich war nämlich eine Schwester des ehemaligen Knappenhof Erbauers, dem „Raxkönig“ Camillo Kronich, einem engagierten Alleskönner seiner Zeit. Nur die Schwester vor den Übergriffen des Vaters schützen, das vermochte er offensichtlich nicht. „Is der Herr a Doktor?“ wandte sich also Aurelia einst im Ottohaus an den urlaubenden und zunächst unwilligen Sigmund Freud und die Patientin ging als „Fall K.“ in die Geschichte ein. Die traurige Hintergrundgeschichte erzählt uns die Hausherrin.

Doppelconférence mit der Hoteldirektorin bei Kaffee und Kuchen
Der Knappenhof liegt am Fuße des Törlwegs auf die Rax

„Der Berg heilt alle“. Der Berg als Therapie oder auch als Weg zu Emanzipation: Nur beim Bergsteigen und beim Radfahren konnten Frauen einst „die Hosen anhaben“ und bei Viktor Frankl war der Gedanke an den Berg eine Überlebensstrategie im Konzentrationslager.

INFO: Der Knappenhof. Kleinau 34, 2651 Reichenau an der Rax

Als Historikerinnen kennen wir keine Grenzen. Wir können hinreisen, wohin wir wollen.

Ein Satz von Lisa Fischer, den ich so schnell nicht vergessen werde. Könnte auch von Philipp Blom sein, finde ich.

Nach der Pause: Dritter Akt der SommerfrischeKultour im Thalhof

Ohne Olga Waissnix wäre der Thalhof – ab 1890 Grand Hotel – niemals zu einer Top-Location der damaligen Zeit geworden. Aber schon zuvor war er ein Kurhotel mit Kaltwasser-Behandlungen, in dessen Rudolfsbad Lenau, Marie von Ebner Eschenbach, Hebbel und Raimund kurten und der Kaiser ein fixes Zimmer für seine Auerhahnjagd innehatte. Später gaben sich u.a. hier Altenberg, Auernheimer, Bahr, Berta Zuckerkandl, Salten und Polgar die Klinke in die Hand – offensichtlich abwechselnd mit dem Ausseerland.

Hier wurde geschrieben, promeniert, Tennis gespielt, musiziert, geflirtet, Theater gespielt, antichambriert und viel geplaudert – das echte Wandern war wohl bei der Wiener Bohème des Fin des Siècle dabei ein wenig ins Hintertreffen geraten. Denn Schnitzler konnte Rax und Schneeberg nach eigener Aussage nie wirklich auseinanderhalten. Auch seine spätere Frau Olga Gussmann lernte er hier kennen. Für die berühmte Schnitzler TV-Verfilmung aus 1970 von „Das weite Land“ mit O. W. Fischer (Keiner sagte „Man will doch nicht der Hopf sein“ ungerührt wie er), Ruth Leuwerik, Helmut Qualitinger und André Heller wurde hier im Thalhof gedreht.

Der Blick zurück zum Thalhof bei Schönwetter.

Heute ist der Thalhof frisch renoviert und strahlt nur so – egal bei welchem Wetter. Der dritte und letzte Akt unserer Premiere ist die Dernière des heurigen „Raxleuchten“ unter der Intendantin Anna Maria Krassnigg. Eine witzig kuratierte Mischung aus Texten von ehemaligen Thalhof Gästen mit Musik u.a. von Zemlinsky und Berg sowie ein Glas Sekt mit der Intendantin und ihrem Team beschließen die KulTour.

Raxleuchten im ehemaligen Speisesaal des Grandhotels
Die Dernière der heurigen Theatersaison unter Intendantin Anna Maria Krassnigg

Und weil wir ein wissbegieriges Premierenpublikum sind und ich vor Neugier platze, dürfen wir mit dem Thalhof Besitzer Josef Rath in die neu renovierten Obergeschoße steigen: Dort wird gerade der Originalzustand der Zimmer aus 1865 wieder hergestellt, der Plan: Ein B&B ab Frühling 2019. Da hab ich mich doch schon mal unverbindlich als einer der ersten Gäste angemeldet. Im Nebengebäude sind die neuen Appartements nämlich schon langfristig vermietet. Im Thalhof wohnen und schreiben? Nichts lieber als das. Ich kann warten.

Die alten Kachelöfen wurden am Dachboden gefunden und wunderschön restauriert. Die Deckenmalerei ist den daruntergefunden Originalen nachempfunden.
Das Stiegenhaus im Biedermeier-Teil des Thalhofs. Hier lebten Olga Waissnix und ihr Mann.

INFO: Thalhof Wortwiege, Festival 2018.

Fotos vom Raxleuchten Teil 1 gibt´s in meinem Bericht vom Kultursommer 2017.

Von der Premiere zur Dernière im Thalhof. Im Gespräch mit Intendantin, Martin Schwanda und Thalhof Besitzer Josef Rath.

Und was tu´ ich jetzt nach meiner ersten SommerfrischeKulTour? Die „Strudlhofstiege“ und „Die Dämonen“ lesen, dazu das Doderer-Buch von Klaus Nüchtern parallel-lesen und mir zuvor die „Liebe im Grünen. Kreative Sommerfrischen“ von unserem Cicerone, Dr. Lisa Fischer einverleiben.

Wenn ich schon eine so höchstpersönliche Widmung von ihr erhalten habe: „Für die weiten Reise in der Nähe“, na – wenn das nicht auf mich passt.

„Haben Sie „Jugend in Wien“ gelesen? Ja? Dann Schauen Sie mal, das dritte Fenster von links!“ Wer von dort hierher in die Privatgemächer von Olga „gspeanzelt“ hat, ist nicht schwer zu erraten. Danke, Josef Rath 🙂

TIPP: Schon den neuen Sommerfrische Drink der Region gekostet? In einem alten Kochbuch einer böhmischen Köchin aus 1906, gefunden am Riegelhof, befand sich ein Rezept. 110 Jahre später machte ein lokaler Getränkehersteller einen Sommerfrische Drink daraus und gab ihm seinen Nachnamen: https://www.der-silva.club/

AKTUELLE AUSSTELLUNGEN:

LESETIPPS*:

OFFENLEGUNG: Ich wurde von den Wiener Alpen eingeladen, an dieser Premierentour teilzunehmen.


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