Schloss Leopoldskron: Von Max Reinhardt zum Schlosshotel

Das Schloss Leopoldskron am gleichnamigen Weiher mit Blick auf die Hohenfestung Salzburg hat viel erlebt: Heute ist es ein Schlosshotel mit Geschichte, eine geniale Meeting-Location, eine außergewöhnliche Fortbildungsstätte und: Ein Pilgerort für Musicalfans. Vor allem ist es – wunderschön. 

Ich muss ausholen: Als ich einst im australischen Outback nächtens mit meiner Trekking Gruppe um das Lagerfeuer saß, verlangten die amerikanischen und australischen Mitreisenden von mir lautstark und unisono einen typisch österreichischen, gesanglichen Beitrag: Mein wenig begeisterter Vorschlag „Wienerlied“ wurde belächelt, „Edelweiß“ und nix anderes sollte es sein – aus dem US-Film „The Sound of Music“ (1964), der von der singenden Salzburger Familie Trapp handelt.

Schloss Leopoldskron als Kulisse für „The Sound of Music“

Ein Film, dessen Lieder die halbe Welt auswendig singen kann (vorzugsweise die US-amerikanische und chinesische Fanwelt), nicht aber wir ÖsterreicherInnen. Als Austro-Retro-Filmfan hätte ich die Details zur Besetzung des österreichischen Films mit Hans Holt, Ruth Leuwerik und Josef Meinrad (1956) anbieten können – allein, im australischen Outback interessiert sich kein Schwein für österreichische Nachkriegs-Filme mit historischem Hintergrund. Eine amerikanische Studentin sang mir dann, selbst unglaublich bewegt von ihrer Darbietung, „Edelweiß“ vor und meine Glaubwürdigkeit auf der Outbackfahrt hatte unter meiner „Noho, I don´t know it“ Behauptung extrem gelitten.

Jahre später stehe ich nun im winterknirschenden Sonnenschein vor jenem atemberaubend schönen Salzburger Rokoko Schloss aus dem 18. Jahrhundert, das u. a. als Kulisse für eben jene „Sound of Music“ Verfilmung mit Julie Andrews diente. Am angrenzenden Weiher fuhr man darin Boot und kenterte folgenschwer, jeder Amerikaner kennt die Außenansicht des Schloss Leopoldskron – wir Österreicher wissen solche kulturellen Kleinode naturgemäß weniger zu schätzen. Zuviele davon haben wir Glücklichen davon, scheint es.

Auch die englisch sprechenden Damen mit den Kids am Nebentisch beim Frühstück sind eindeutig wegen dieser Story hier im Hotel gelandet, während mich etwas anderes ganz brennend interessiert:

Spürt und sieht man noch etwas von der Zeit, als der Theatermann Max Reinhardt hier  Schlossherr war? Und: Wo geht´s hier bitte am schnellsten Wege in seine ehemalige Bibliothek?

Schloss Leopoldskron als Hotel am pittoresken Weiher

Das Hotel Schloss Leopoldskron des Jahres 2018 hat im angrenzenden Meierhof 55 modern adaptierte Zimmer für seine Gäste zur Verfügung – bunter könnte ein Publikum hier nicht sein und das ist gut so in einer Kulturstadt. Zum Frühstück verlässt man den Meierhof, denn das Buffet wartet standesgemäß im Schloss und da im üppig dekorierten venezianischen Zimmer mit den Spiegelpaneelen. Auf der ganzen Welt habe ich noch keinen Raum gesehen, dem es gelingt, von einem opulenten Frühstücksbuffet so erfolgreich abzulenken, wie dieser hier.

Gefrühstückt wird an großen runden Tischen (was für die meisten Gäste gewöhnungsbedürftig zu sein scheint) im verschwenderisch hohen Marmorsaal mit seinen Lustern und den großen Lichtfenstern auf den Weiher – im Sommer gibt es sogar auf dem Balkon ein paar Plätze. Allein wegen dieser Aussicht beim Frühstückskaffee muss ich wiederkommen. Im Schloss selbst werden gerade die Suiten renoviert – danach wird man wieder in der „Helene Thimig Suite“ nächtigen können. Das Service ist gepflegt, unaufdringlich und international geschult.

Lange vor Paulus Manker mit seinem  genialen Polydrama „Alma Mahler“ und dem „Bertha Zuckerkandl“-Stück der KunstSpielerei im Wiener Palais Schönburg gab es bei Reinhardt im Schloss Leopoldskron bereits die Idee des „mitwandernden“ Publikums, das den Schauspielern durch die Räumlichkeiten folgt. Heute darf man das Schloss als Hotelgast ebenfalls erkunden und erwandern – zu jeder Tages- und Nachtzeit. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen.

Wer kann schon von sich sagen, in Max Reinhardts Bibliothek mit Blick auf den Leopoldskroner Weiher den Abend verbracht zu haben? Ich kann das.

In der großen Eingangshalle wacht die „Freudenmadonna“ aus einem Wiener Freudenhaus über dem Flügel (Reinhardts Fund), über die Steintreppe mit den Kerzerln geht es hallenden Schrittes in das Obergeschoß, durch die einsame Marmorhalle bis in die warm beleuchteten Refugien der Bibliothek mit Wendeltreppe auf die Balustrade und einer versteckten Büchertür, die zu Reinhardts Zimmer geführt hat.

Abends um 9 scheine ich der einzige Mensch im Schloss zu sein – anhand der Fotos kann ich nachvollziehen, dass Reinhardt meist vor dem Kamin gesessen ist. Ob da seine Hunde auch dabei waren? Nur die Bücher passen nicht so recht ins Ambiente: Denn heute befindet sich hier der Bücherbestand des Salzburg Global Seminars. Wo wohl die berühmte Büchersammlung von Max Reinhardt abgeblieben sein mag nach dem Krieg? Im Shop des Salzburg Museums finde ich anderntags eine Antwort – mehr dazu weiter unten. Auch im angrenzenden „chinesischen Zimmer“ bin ich ganz allein zugange – allein der Gedanke, wer hier aller gesessen haben mag. Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss auf jeden Fall – sie waren Reinhardts Mitbegründer bei den Salzburger Festspielen.

Mein schönes Zimmer im Meierhof ist das einzige in ovaler Form – mit Blick auf das Schloss. Ein Medizinball wartet auf mich im warm ausgeleuchteten Zimmer, als ich nach meiner nächtlichen Bibliothekstour zurückkehre. Warum? Er soll ein leidenschaftlicher Turner gewesen sein, der Reinhardt. Ich wälze den Ball erstmal zur Seite, meine letzte sportliche Aktivität des Abends ist meist das Bücherblättern.

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Schloss Leopoldskron als Geburtsstätte der Salzburger Festspiele und als Raubgut der Nazis

Seit 2014 ist das Schloss Leopoldskron am gleichnamigen Weiher auch ein Hotel der „Schlosshotels und Herrenhäuser“ und abgesehen von der Filmkulisse ist es für mich als Theaterliebhaberin von großem Interesse: Der geborene Niederösterreicher, der Schauspieler und Regisseur Max Reinhardt hatte es 1918 in desolatem Zustand gekauft und begann damit seine Ablösung von der Regie- und Direktorenarbeit an den Berliner Bühnen, an denen er höchst erfolgreich inszeniert hatte (mit Ausflügen nach Dresden, London und in die USA). Deutsches Theater, Berliner Volksbühne, Kammerspiele, Großes Schauspielhaus (später der Friedrichstadtpalast, in dem ich bereits Zuschauer einer Revue war) und Komödie am Kurfürstendamm: Kaum ein Theater in Berlin oder ein deutschsprachiger Schauspieler, dem Reinhardt bis 1924 nicht seinen Stempel aufgedrückt hätte. Danach wechselte er an die Josefstadt nach Wien und machte das Haus zu dem, was heute immer noch ist. Schauspielschulen gründete er in Berlin, New York und Wien – an Max Reinhardt kam in diesen Jahrzehnten wohl kein theateraffiner Mensch vorbei vorbei.

Im Schloss Leopoldskron bastelte er sich ab 1918 ein künstlerisches Umfeld ganz nach seinem Geschmack: Einer monumentalen Eingangshalle, einem Marmorsaal mit Lustern und Balustrade, ein venezianisches Zimmer und eine Bibliothek und ein versteckter Arbeitsraum nach seinen Vorstellungen – alles angereichert mit Fundstücken und Kunstwerken, die aus aller Welt nach Leopoldskron gekarrt wurden.

Die gesamte Haute Volée der österreichischen KünstlerInnen der Zwischenkriegszeit sowie zahlreiche internationale Gäste gaben sich bei Max Reinhardt in Leopoldskron die Klinke in die Hand – wo sonst als hier hätten also die Salzburger Festspiele ihren Anfang nehmen können? Von 22. bis 26. 8. 1920 erschall wohl zum ersten Mal der „Jedermann“ Ruf über den Domplatz, die Adaption der drei Festspielhäuser geht auf Reinhardt zurück – der erste Jedermann: Der in Österreich heiß geliebte Alexander Moissi, seine „Buhlschaft“ Johanna Terwin, Werner Krauß als „Tod“ und Reinhardts spätere Frau Helene Thimig als „Gute Werke“.

Im Jahr 2020 feiert Salzburg „100 Jahre Salzburger Festspiele“.

Österreich verdankt seine wichtigsten Kulturfestspiele einem, der 1938 wie hunderttausende andere jüdische und regimekritische Künstler vom Nazi Regime enteignet wurde und seine Kulturwelt Österreich bis zu seinem Tode 1943 in den USA nie mehr betreten sollte. Einer jener hunderttausenden Künstler (1), die – ausgewiesen, enteignet, der Staatsbürgerschaft entzogen, mit Berufsverbot verlegt, verfemt und verboten waren – auf der Flucht über Frankreich, Spanien, auf Schmugglerwegen oder mit Schleppern über die Pyrenäen, mit dem letzten Dampfer,  von heute auf morgen keine gebildeten, erfolgreichen, intellektuellen Künstler mehr sein durften, sondern nur noch um ihr Leben rannten: In die USA, nach Südamerika, nach Afrika – die Länder, die Flüchtlinge aufnahmen,  wurden immer weniger. Bei Machtübernahme der Nazis in Österreich weilte Reinhardt gerade bei seinem Workshop in den USA – er sollte „sein Schloss Leopoldskron“ nie mehr sehen. Zur selben Zeit brach auch die regimekritische, kaisertreue Familie Trapp aus ihrer echten Villa im Salzburger Stadtteil Aigen in die Emigration auf – ebenfalls gen USA. Die Nazis wollten sich übrigens mit Reinhard arrangieren, er lehnte ab. Nicht mal als Toter wollte er mit Österreich und Deutschland jemals wieder etwas zu tun haben. Er ist begraben in der Nähe von New York. 

Das bis an den Rand mit Kostbarkeiten und einer riesigen Büchersammlung gefüllte Schloss Leopoldskron fiel also den Nazis in die Hände und wurde nach Kriegsende an Helene Thimig als seine Witwe restituiert.

Ein Großteil von Reinhardts Büchern (dem Vernehmen nach 10.000 Bände) soll am Dachboden den Krieg überstanden haben, wurde nach dem Krieg aber durch interne Familienstreitigkeiten aufgeteilt und in alle Winde zerstreut.² Übrigens verdanken wir auch die österreichische Film-Variante der Sound of Music/Trapp Story einem Reinhardt: Wolfgang, der Sohn aus erster Ehe, kaufte den Trapps die Filmrechte ab – der obgenannte Film mit der österreichischen Spitzenbesetzung war einer der erfolgreichsten in der Nachkriegszeit in Österreich.

Zum Schluss kommen wir wieder in die Gegenwart: Wunderbar praktisch finde ich, dass das Hotel gratis Fahrräder für die City-Tour anbietet und der Eintritt ins Leopoldskroner Freibad (das schon meine Großeltern als Salzburgtouristen der ersten Stunde mit meiner Mum frequentierten) sommers inkludiert ist. Der 7  ha große Park rund um das Schloss ist nur für die Gäste zugänglich und eine kleine, gemütliche Bar serviert mir abends nach dem Kulturprogramm in der City noch einen Absacker.

Hunde sind im Haus erlaubt, der Weg um den Weiher mit dem schönen „Blick zurück“ auf das Schloss bietet sich als Spaziergang an.

Mir gefällt das gepflegte, großzügige Ambiente im Meierhof, die vielen Verweise auf die Geschichte des Hauses und dass man in absehbarer Zeit wieder in den ehemaligen Räumlichkeiten Reinhardts in einer Suite mit dem Geheimgang in die Bibliothek wird schlafen können – passt doch hervorragend zum nächsten Kulturtrip.

Die Festspielkarten sind ohnehin schon bestellt.

HINWEIS: Das Hotel Schloss Leopoldskron hat mich für die Dauer meines Rechercheaufenthalts in Salzburg freundlicherweise eingeladen.  Die Reise erfolgte auf Einladung von Salzburg Tourismus. Die obgenannten Meinungen, Schlüsse und Darstellungen sind meine eigenen..

SOUND OF MUSIC TOUR BUCHEN

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 Literatur:


 

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