Keine leichte Kost an der Bühne Baden: „Der Kuss der Spinnenfrau“ als Sommertheater.

Kein Stoff, aus dem normalerweise meine Musical-Träume gemacht sind: „Der Kuss der Spinnenfrau“ an der Bühne Baden ist nicht die leichteste Kost für meine Sommertheater Tour 2019. Aber es hat sich gelohnt.Bühne baden premiere

Premiere. „Der Kuss der Spinnenfrau“ an der Bühne Baden

Missachtung von Menschenrechten, Brutalität und Gewalt hinter Gefängnistüren, Erniedrigung von Homosexuellen und Männerliebe – kein Stoff, aus dem die Traummusicals normalerweise gemacht werden. Zumindest nicht die, die ich mir sonst so ansehe. Mein persönliches Ranking: Jesus Christ Superstar, Evita, My Fair Lady, vielleicht noch Rudolf. Ich bin also vom alten Schlag. Fast vom ganz alten, möchte ich sagen.

Bei der deutschsprachigen Uraufführung von „Cats“ war ich im Theater der Wien zwar x-mal mit dabei (jetzt kann ich die Wiederaufnahme aber erwarten, eilt nicht), ich habe „Chess“ in London gesehen, war schon als 8-Jährige mit meinen Eltern in Evita (ja, echt!), kenne Cabaret, A Chorus Line, Rocky Horror Show und der Mann von La Mancha. Habe tausend Varianten von JCS gesehen. Das ist meine Liga. Überschaubar, aber so ist es nun mal.

Der Kuss der Spinnenfrau ist brutal, spielt im Gefängnis in einer lateinamerikanischen Diktatur, hat für mich nicht nachvollziehbare Traumwelten und noch ein gewagtes Thema: Ein Schwuler, der wegen Verführung Minderjähriger sitzt und ein Revolutionär, der  von gänzlich anderem Schlag ist – teilen eine Zelle, streiten, bluten, kämpfen, reden, träumen gemeinsam und werden gefoltert. Dass sie sich ineinander verlieben, liegt nicht auf der Hand. Ist aber so, im „Kuss der Spinnenfrau“, die 1992 in Wien im Raimundtheater die deutschsprachige Erstaufführung hatte, mit Günter Mokesch als Molina. „Ein untypisches Musical“ sagt Baden-Regisseur Werner Sobotka. Wie recht er doch hat.

Pressefoto Bühne Baden

Das Stadttheater Baden – endlich seh´ ich es von innen

Das wunderhübsche Stadttheater Baden scheint auf den ersten Blick nicht prädestiniert für das Sujet zu sein – meine voreingenommene Meinung. Baden ist herausgeputzt wie Bad Ischl zu Kaisers Geburtstag, das prächtige Stadttheater Baden ist natürlich ein Fellner und Helmer Bau – die ganze Donaumonarchie ließ vor über 100 Jahren von diesen Stararchitekten ihre Theater- und Opernhäuser bauen. Sehen alle ein bisserl gleich aus, aber genau mein Geschmack. Drum kenn ich mich als Theatergeherin natürlich indoors in der Bühne Baden auch gleich aus, obwohl ich – Schande – noch nie drinnen war. Ist ja keine Hexerei.

Sommertheater in Baden, das alles andere als leichte Kost ist. Als ich bei der Premiere im Parkett sitze, habe ich fast keine Ahnung vom Plot – ich wollte nur im Rahmen meiner Sommertheater Tour 2019 endlich mal in Baden ins Theater gehen und Ann Mandrella und Drew Sarich wieder gemeinsam auf der Bühne sehen.

Kurz: Die Handlung ist für meine zart besaiteten Gefühle zu brutal, das heißt nicht, dass sie nicht realistisch ist. Traumwelten wie die von Molina kann ich nicht nachvollziehen, verstehe aber, dass man sich so in Scheinwelten als Zufluchtsort retten kann, wenn nötig. Der Chor und das Tanzensemble sind hervorragend, ebenso das Orchester. Die Choreo – besonders die mit den Schaufensterpuppen – fand ich super, bin aber tanztechnisch gesehen keine Expertin.

Pressefoto Bühne Baden

Die Premiere von „Der Kuss der Spinnenfrau“ – Meine Meinung

Martin Berger gibt den typischen, zunächst emotionslosen Middle-Age Revoluzzer, der mit schwulen Zellengenossen und nationalsozalistisch angehauchten Filmdiven-Traumstories nix anfangen kann. Umso berührender dann, als er im wahrsten Sinn des Wortes die selbst gezogene Grenzen in der Zelle überschreitet und auf seinen schwulen Zellengenossen zugeht. Ob aus Berechnung oder Zuneigung, weiß ich nicht.

Drew Sarich fliegen natürlich vom ersten Augenblick an alle Herzen zu, warum sollte es in der Rolle des schwulen Schaufensterdekorateurs anders sein. Er singt und spielt aber auch umwerfend und mitreißend gut, da kann ich sogar über die (angedeuteten) Gewaltszenen hinwegblicken. Ob er tänzelt, singt oder die russische Kammerzofe gibt – er macht es immer mit viel Gefühl und vor allem viel Stimme. Wirklich beeindruckt war ich aber von Ann Mandrella, die keine Hebefigur und keinen Tanzschritt ausgelassen hat und dabei meines Erachtens eine hervorragende Figur gemacht hat. Ihre tolle Stimme dazu sowieso – wie gemacht für die Spinnenfrau, wirklich mehr als passend für diese Rolle.

Pressefoto Bühne Baden
Pressefoto Bühne Baden
Pressefoto Bühne Baden

Überrascht war ich vom Premierenpublikum. Auf den ersten Blick wirkte es wie ein mäßig interessiertes Josefstadt-Publikum (dazu muss ich sagen: Ich liebe die Josefstadt, vor allem seine SchauspielerInnen und verstehe nicht, warum nicht mehr jüngere Leut – wie ich 🙂 – da reingehen), aber auf den zweiten: Holla! Sobald der letzte Ton verklungen und der tödliche Spinnenkuss geküsst war, wurde schon aufgesprungen, geschrien und geklatscht. Da wurde keine Zeit vergeudet – fast schon österliche Jesus Christ Superstar Dernière Verhältnisse. Vielleicht waren aber auch betont viele Wiener Musical Fans dabei, die extra raus gefahren sind.

Nachher an der Stage Door waren die Fans aber in überraschend niedriger Zahl und überschaubar angetanzt, wahrscheinlich warteten die meisten schon drinnen im Max Reinhardt Foyer bei der Premierenfeier auf die drei Hauptdarsteller. Die tratschten und rauchten aber noch entspannt mit den Fans hinten am Bühnentürl, im Beisein des Regisseurs Werner Sobotka  – auch das macht Musical gehen in Wien und Umgebung (siehe Amstetten) so unglaublich nett – dass die Künstler so freundschaftlich und unkompliziert mit ihren Fans umgehen.

Tickets und noch weitere Infos zur Aufführung an der Bühne Baden gibt´s hier online. Nächste Sommersaison gibt´s  übrigens wieder leichtere Kost mit „Im weißen Rössl am Wolfgangsee“ mit Sarich-Kollegen Boris Pfeifer als Kellner Leopold und Oliver Baier als Schöner Sigismund. Das ist dann wieder eher mein Genre 😉

Pressefoto Bühne Baden

Tipps – Wohin vor der Bühne Baden?

  • Im Kurpark einen gerührten Eiscafé im Café Florian trinken und der Kurmusik im Pavillon zuhören
  • Kaffee und einen leichten Snack im Café Central bei der Pestsäule nehmen
  • Ein Bier im Amterl am Hauptplatz
  • Ein Glas Sekt in der Genusseria in der Pfarrgasse am Weg zum Theater
  • Erste Reihe im Schanigarten des Batzenhäusl am Theaterplatz sitzen und gaffen
  • Ein Schleckeis vom Café Clementine mit auf den Weg nehmen
  • Wer untertags schon Zeit hat: Baden gehen im Jugendstil Thermal-Strandbad 
  • Wohnen kann man übrigens hervorragend mit Traum-Balkonaussicht (auch mit Hund) im Hotel Herzoghof

Viele gute Gründe für eine Überlandpartie nach Baden.

Meine 11 schönsten Sommertheater des Kultursommers 2019 

 

Hinweis: Der Artikel spiegelt meine persönlich Meinung wider und ist eine Momentaufnahme der Premiere im August 2019. Ich habe meine Karte selbst bezahlt.

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