Auf Spurensuche: Die Villen von Baden

Die Ausstellung im Kaiserhaus: "Sehnsucht nach Baden: Jüdische Häuser erzählen Geschichte(n)"

by Angelika Mandler-Saul

Wer in Österreich „Villen“ und „Kurstadt“ sagt, muss auch Marie Theres Arnbom sagen. Die Historikerin und Direktorin des Theatermuseums Wien hat gerade die aktuelle Ausstellung „Sehnsucht nach Baden“ im Kaiserhaus kuratiert. Das Buch dazu folgt.

Villa in baden bei schnitzler
Auch die Hofreiters hatten eine Villa in Baden. Aus Schnitzlers „Das Weite Land“, meinem Arthur´schen Lieblingsstück

Die Ausstellung im Kaiserhaus Baden

Das Kaiserhaus in Baden bei der Pestsäule und gleich neben dem Café Central war einst ein Stadtpalais für Fürst Nikolaus II Esterházy und wurde danach für Kaiser Franz I und Familie für deren Sommerfrische-Aufenthalte in Baden adaptiert. Im Ersten Weltkrieg befehligte Kaiser Karl von hier aus seine Armeen, danach fiel es (lt. Website) in einen „Dornröschenschlaf“; aus dem es die Stadt Baden 2008 erweckte und seitdem bespielt. Seit knappen 10 Jahren zeigt man nun im Obergeschoß Ausstellungen, darunter waren zuletzt jene über den „Mythos Ludwig Van“ (2020) oder auch jene zu Baden als Kur- und Bäderort (2019). Mehr über das Kaiserhaus können wir in den „Badener Zuckerln“ des Rolettmuseums online nachlesen.

Kaiserhaus in Baden villen von baden ausstellung
Kaiserhaus in Baden

Aber jetzt soll es um die Ausstellung 2022 gehen: Wir begeben uns auf jüdische Spurensuche und damit auf Besuch bei den Villen von Baden. „Sehnsucht nach Baden. Jüdische Häuser erzählen Geschichte(n)“ heißt die Ausstellung, die von 23. April bis 6. November 2022 im Kaiserhaus zu sehen ist.

Ausstellung Eingang Villen von Baden
Entrée zur Ausstellung

Kuratiert wurde sie von niemand geringerer als Marie-Theres Arnbom; dass dabei auch noch ein entsprechendes Buch zu „Die Villen von Baden“ folgen wird, liegt damit erfreulicher Weise auf der Hand.

In der Ausstellung werden 10 Villen und ihre Familien vorgestellt, im Buch werden es 30 sein, erzählt uns die Historikerin und Direktorin des Wiener Theatermuseums beim Presse-Preview.

Schon jetzt dabei sind klingende und bekannte Namen wie jene der Familie Heller („Zuckerl-Heller“), der Gutmanns („Kohlen-Gutmanns“) oder jene der Gallias, die man aus Tim Bonyhadys Familiengeschichte über seine Tanten aus der „Wohllebengasse“ nach der Lektüre schon so gut zu kennen glaubte.

Und es wäre nicht Arnbom, wenn man nicht bei jedem Exponat stundenlang stehenbleiben und ihr ewig lauschen wollte, wie sie die Geschichte und vor allem aber Geschichten und Zusammenhänge hinter den Bildern, Fundstücken und Bildern scheinbar mühellos aus dem Ärmel schüttelt.

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Kuratorin Marie Theres Arnbom und Ulrike Scholda, Leiterin der Museen Baden

In Baden bei Wien stehen sage und schreibe 520 Villen, hören wir bei der Kuratorenführung. Die Auswahl war schwierig und damit gibt es wohl auch noch einen „Auftrag zum Weiterforschen“, sagt Arnbom bei der Begrüßung. Alle Villen, die in der Ausstellung Thema sind, wurden von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und arisiert – aber in erster Linie geht es um die Familien, die hinter den Mauern lebten, arbeiteten und sommerfrischelten.

Die Familiengeschichten hinter den Villen von Baden

Nicht alle jüdischen Villen sind heute noch so erhalten, wie sie uns auf alten Bildern oder Entwurfsskizzen in der Ausstellung gezeigt werden. Und wenn man durch Baden spaziert, mögen einem auch die verbliebenen gar nicht mehr ins Auge stechen. Manchmal erinnert nur eine nachempfundene Balustrade im entfernten an den opulenten Entwurf von einst, oder wie bei der Villa der Familie Jellinek-Mercedes ist es die Garage, die man heute noch „erkennen“ kann. Die Villa hatte im Original 50 Zimmer, was blieb, ist allein die Garage. Emil Jellinek arbeitete für Daimler und konstruierte einen Wagen, den er nach seiner Tochter „Mercedes“ benennt. Er nimmt sich 1939 nach einem Gestapo Verhör in seiner Villa das Leben.

jellinek mercedes villa baen
Die Jellinek Mercedes Villa

In der Villa Benbassat wiederum lebt eine geborene Feuerstein – die Familie kam aufgrund des immensen Erdölvorkommens in Galizien zu Reichtum (Interessant: Bei der aktuellen NÖ Landesausstellung im Schloss Marchegg wird eben dies thematisiert: Dass nämlich die Doppelmonarchie ein riesiger Erdölproduzent war – bis Galizien als Fördergebiet nach 1918 wegfiel).

Die „Zuckerl-Hellers“ – sind bei mir allgegenwärtig, denn: Kein Ausflug ohne die „Wiener Zuckerln“ in meinem Rucksack. Gustav Heller kauft die Villa (Marchetstraße, früher Bergstraße) von Adolph Ignaz Mautner-Markhof (seine Schwiegertochter Editha kennen wir von den Villen am Semmering, wo wiederum deren Schwiegersohn Kolo Moser in der Villa „Editha“ zugange war) – die gusseiserne Veranda stammt von der Weltausstellung 1889. (Ein bisserl so wie die Villa Blumenthal in Ischl von der Weltausstellung 1893…)

1938 wird die Heller Villa zur Strecker-Villa – teils beschlagnahmt, teils „verkauft“: Den neuen Besitzer kennen wir heute als den Komponisten von bekannten Wiener Liedern, seine Familie besitzt die Villa immer noch. Badener kennen sie eigentlich nur als „die Strecker Villa“ in der Marchetstraße.

Und die Original Wiener Heller Zuckerln von einst, die gibt es heute noch von der „Zuckerlwerkstatt“ in Wien und Salzburg. Die wiederum arbeit eng zusammen mit einem Zuckerlgschäft in Schweden: Gränna am Vätternsee gilt mit seinen weißrosa Zuckerstangen und zehn Bonbon-Kochereien als Bonbon-Hauptstadt Schwedens, bei unserem Besuch dort haben wir mit dem Besitzer einer „Polkagisfabrik“ beim Zuckerl-Mitbringsel-Einkauf über die Zuckerlwerkstatt in Wien gefachsimpelt.

Es ist so schön, wenn einem beim Reisen die Zusammenhänge aus der Heimat klar werden – oder auch erst viel später, wie beim Besuch im Kaiserhaus, wenn Marie-Theres Arnbom ebensolche Denkanstöße gibt.

Heller Zuckerln
Heller Zuckerln, die Originalen

Wie auch jenen Denkanstoß über den Architekten Josef Hoffmann, wobei wir bei der Familie Gallia aus der Wohllebengasse in Wien wären. Die Brüder Adolf (berühmter Patentanwalt in Wien etwa für das Gasglühlicht) und Moriz verbringen mit ihren (mit Moll, Klimt, Mahler etc. gutbekannten) Familien viele Sommer gemeinsam in der schön begrünten Badener Villa in der Weilburggasse. Alle haben sie ein Faible für Intérieur von Josef Hoffmann – vom Besteck über Tapisserie zu Leuchtmitteln und Sofas – alles lassen sie vom Architekten durch-designen. Aber sowohl bei der Lektüre von „Wohllebengasse“ (Wie rettet man sein Hoffmann-Intérieur vor Beschlagnahmung durch die Nazis und verschifft das Ganze als Flüchtlinge auch noch nach Australien? Die Gallia-Sisters zeigen es in dem Buch vor….) als auch auf alten Fotos von Hoffmann oder Loos Einrichtungen (siehe die Loos Wohnungen in Pilsen, die ich besucht habe) hat man beim Betrachten immer nur Schwarz-Weiß Ansichten der Ausstattung vor seinem inneren Auge.

Doch Hoffmann und Konsorten waren durchaus auch auf der prachtvoll farbigen Seite: Das zeigen uns Farbbeispiele für Entwürfe aus der Villa Gallia – ein interessantes Exponat, vor dem ich lange stehe. Eh klar, die Vorstellung der Einrichtungen war immer nur in meinem Kopf schwarz weiß, die Realität war viel bunter.

Wer sich dafür interessiert, hat im Laufe der Ausstellung zu den Villen von Baden noch viel mehr solche AHA-Erlebnisse. Die Villa der Kohlen-Gutmanns ist verschwunden – sie waren wichtige Mäzene und Wohltäter der Arbeiterschaft. Otto Prutscher entwirft für die Familien Rothberger und Bienenfeld wahre Gesamtkunstwerke an Villen – auch sie sind bunt, so erfahren wir aus dem Nachlass der Wiener Werkstätte im MAK.

Die Epsteins und die Hahns mit ihren Otto Wagner Villen, der Flügel der Ida Gutmann (zufällig in einem Gartenhaus in Mauer aufgetaucht) und das alte Bild der Villa, das in einem Online-Archivariat in Paris gefunden wurde – soviele Geschichten rund um die Villen von Baden.

Und doch nur ein winzig kleiner Anfang von noch mehr Einblicken, Zusammenhängen und wiederum Geschichten, die wir hoffentlich bald in Arnboms Buch „Die Villen von Baden“ werden nachlesen können.

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Prutscher Entwurf für Villa Bienenfeld
sommerfrische badeanzug villen von baden
Sommerfrische Relikt

Baden – Sommerfrische, Kur und Theater

Vor drei Wochen war ich zuletzt in Baden gewesen, auf einem City Dog Walk zu den Quellen und ehemaligen Bädern der Kurstadt. Die Schwefel-Quelle im Badener Untergrund habe ich bestaunt, Coffee hat Schwefelwasser geschlempert und es gab Einblicke in die vielen verschiedenen Gebäude der ehemaligen Bäder, die einst die Kurstadt ausmachten und heute noch in anderen Funktionen erhalten sind.

Das heutige Casino war ja einst das Kurhaus, umgeben von vielen kleineren hochfrequentierten Badehäusern. Ich war schon auf Überlandpartie in Baden und durfte den genialen Herzoghof besuchen.

Vorbei am Stadttheater, am Kurtheater und am Max-Reinhardt Hof ging es bei unserer Bäder-Besichtigung und damit schließt sich der Kreis, denn:

„Wir haben den Max Reinhardt Nachlass im Theatermuseum“, erinnert mich die Neo-Direktorin noch nach ihrer Führung durch die Ausstellung „Sehnsucht nach Baden“, als ich mich für die Einblicke bedanke. „Das interessiert Sie doch sicher auch, oder?“, schmunzelt sie wissend.

Und ob. Das muss man mir nicht zweimal sagen, meine „Max Reinhardt & Leopoldskron“ Blogstory kann jederzeit ein Update vertragen. Denn: Reinhardt war geborener Badener.

leopoldskron max reinhardt
In Reinhardts Bibliothek im Schloss Leopoldskron. Reinhardt war gebürtiger Badener.

Weiterlesen: Villen Spaziergänge in die Sommerfrische

Wer noch mehr über Villen und ihre Familien in den bekannten Sommerfrische Regionen Österreichs erfahren will, kann hier nachlesen:

marie theres arnbom und angelika mandler-saul bei den villen von bad ischl
Kennenlernen: Bei der Führung zu den Villen von Bad Ischl. Demnächst endlich auch am Blog….
LeseTipp
Wer „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ verschlungen hat, der wird auch diese Familiengeschichte mögen: „Wohllebengasse. Die Geschichte meiner Wiener Familie“, Tim Bonyhady, Zsolnay 2013 (*)

Und natürlich gibt´s auch noch Villen Bücher über den Traunsee und den Attersee…

HINWEIS: Ich wurde von Sky Unlimited eingeladen, die Kuratorenführung zur Austellung vorab zu besuchen. Ich bedanke mich herzlich für diese Gelegenheit. Sollten mir in der historischen Darstellung der Fakten Fehler unterlaufen sein, bitte ich um Info.

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