Seit ich das erste Mal im Rahmen der Festspiele Reichenau bei der Aufführung meines Schnitzler´schen Lieblings-Oeuvre „Das Weite Land“ anno 2004 im Südbahnhotel war, bin ich in das Haus und seine Geschichte verliebt. Das ist jetzt über 15 Jahre her – und ich fahre immer noch auf den Semmering, um um das Haus herumzustreichen und ein bissl Sommerfrische Feeling von einst erahnen zu können.

Das Südbahnhotel – Palast, Portier, Plaisir

Dabei fuhr man seit 1882 nicht nur zur kandidlen Sommerfrische auf den Semmering und ins Südbahnhotel. Stefan Zweig fuhr auch mal zwischendurch für´s Weekend rauf, um dort Damenbesuch zu empfangen. Ob man im Südbahnhotel oder im nahen Panhans abstieg – das war schon damals Geschmackssache – winters wie sommers.

Südbahnhotel Zufahrt

Gustav Klimt schreibt an Emilie Flöge. Postkarte, Quelle: info-wien-tipps.at

In den Tagebüchern und Briefe der KünstlerInnen der Wiener Moderne kommt der Semmering als Konstante jedenfalls immer wieder vor:

Als Destination für Bergpartien, für geheime oder offizielle StellDichEins, zur Brautsuche, für längere Kuraufenthalte, als Sommer-Treffpunkt mit Wiener Freunden (so etwa die Altenberg-Kraus-Loos Partie) oder eben für längere Aufenthalte als Sommerfrische.

Wer es sich leisten konnte, ging in die Grand Hotels, die großbürgerlichen Familien hatten ihre eigenen Villen, andere kamen beim Bauern unter.

Auch Gustav Klimt schrieb nach der Rückkehr vom Semmering aus seinem Stammcafé in Wien, dem Tivoli, an Freundin Emilie Flöge, die im Feber 1912 am Semmering im Südbahnhotel weiter verweilte („Sonnig, 4 Grad. Neigung zum Warm Werden – glatte Fahrt gehabt, ab Wr. Neustadt zu dritt“).

Und die Bahnfahrt über den Semmering mit der Südbahn – damals ein Weltwunder, weil man dank Ghega erstmals einen solch hohen Pass überwinden konnte – war anfangs noch ein veritables Mirakel und ein wirkliches Erlebnis für die Reisenden. Genau so oft wie die anderen beliebten Sommerfrische Ziele in Österreich Bad Ischl, der Wolfgangsee oder das Ausseerland, firmieren Semmering und Raxgebiet als Inbegriffe für diese Art des Langzeit Urlaubs der besseren städtischen Gesellschaft von einst – und erlebt (unter anderen Voraussetzungen) endlich das von mir lang erwartete  und permanent prognostizierte Revival, nicht zuletzt durch den geplanten Neubau des Kurhauses Semmering gleich um die Ecke vom Südbahnhotel. Sapperment, endlich, hoffentlich!

Blick von der Pass-Straße auf Südbahnhotel und Kurhaus Semmering

 

südbahnhotel theater

Vor 15 Jahren vor dem Südbahnhotel mit dem Zitat aus Kraus´ „Die letzten Tage der Menschheit“.

In der Zwischenzeit war ich natürlich schon öfters mal drin im Südbahnhotel, aus verschiedenen Anlässen. Gleich im Jahr danach (2005) bei der großartigen „Radetzkymarsch“ Inszenierung mit Michael Dangl als Trotta und André Pohl als Arzt-Freund, danach auch bei Bahrs „Das Konzert“ wieder mit Morzé plus Joseph Lorenz als Gustav Heink.

Wobei die damalige Aufführung von „Das Weite Land“ mit Petra Morzé als Genia und Josefstadt-Direktor Föttinger in den Hauptrollen schon wirklich mehr als perfekt in das Setting des großen Speiseaals und vor allem oben in den ersten Stock in den Waldorfsaal mit der Terrasse gepasst hat – spielt das Stück doch genau in einem solchen Grand Hotel – nur eben nicht am Semmering, sondern am „Völser Weiher“:-)…

Terrasse

Die Terrasse im 1. Stock während einer Lesung-Pause

Der Waldorf Saal bestuhlt für eine Lesung

Schnitzler soll sogar seinen Protagonisten, den Portier Rosenstock aus dem „Weiten Land“ nach dem echten damaligen, repurtierlichen Südbahnhotel Portier Rosenbaum, später Rostler, gestaltet haben. Der berichtete auch einst, dass große Teile dieses Stücks während Schnitzlers Aufenhalten im Südbahnhotel (immerhin mindestens 12 Mal) entstanden sein sollen und er mit Leichtigkeit allen Figuren ihre echten Pendants aus der damaligen Realität zuordnen könnte.

Das glaub ich ihm auf´s Wort.

Einen weiteren Einblick in das Südbahnhotel, wie es vor über 30 Jahren noch ausgesehen hat, erhaschen die, die sich die Brandauer Verfilmung von Zweigs „Brennendes Geheimnis“ aus 1988 reinziehen: Damals wurde hier vorort gedreht, denn auch Zweig ließ seine Story damals schon hier oben spielen und tat es damit Schnitzler gleich. Leicht erkennt man daran und an vielen Altenberg und Kraus-Briefen oder Wittgenstein Berichten der Zeit einmal mehr, welche Rolle der Semmering, die Rax und die Grandhotels als Spielplatz von scharlenzenden Künstlern und Konsorten damals gespielt haben mögen.

Südbahnhotel Speisesaal

Einblick in den Speisesaal beim Belle Epoque Dinner

 

Wie sieht das Südbahnhotel am Semmering heute aus?

Günter Krausner erklärt, welcher Teil des Südbahnhotels der aller-älteste ist, nämlich der Backsteinbau ganz außen.

Was einst der hochlöbliche Portier Rosenbaum alias Rosenstock war, ist heute der nette und allwissende Chef-Haustechniker und Chef vor Ort Günter Krausner. Er war es auch, der uns im Rahmen der Sommerfrische Gespräche 2019 wiedermal durch´s Haus führte und Einblick in die alten Zimmer und Badezellen, Tapetentüren, Balkone und Gänge gewährt hat.

Und auch das verfallene Schwimmbad mit den großen Fenstern mit der schönen Aussicht in die Berge, das habe ich mittlerweilen vorort dank Günter Krausner erkundet. Das sieht man nämlich auch auf dem Werbeplakat aus den Dreißiger Jahren, das bei mir daheim im Stiegenhaus hängt. Gleich gegenüber das Plakat aus den früheren Anfangszeiten – denn das Südbahnhotel hat ziemlich viele Zu- und Umbauten erfahren im Laufe seiner Geschichte –  bis es in einer Liga mit St. Moritz spielte. Die Poster bekommt man übrigens u.a. im schnuckeligen, kleinen Museum im Bahnhof Semmering, so es geöffnet hat. Über den Bahnhof und die Villen rundum bis zum Südbahnhotel habe ich einen extra Wander-Artikel geschrieben.

                                 

Rauchzimmer, Spielzimmer, Schachzimmer, Salons, Musikzimmer und Bibliotheken – wie im Kurhaus Semmering war auch hier Freizeit, Kur und gepflegter Müßiggang Programm nebst Kultur- und Kulinarik Genuss. Badezimmer, Verbindungstüren zwischen den Zimmern und verschiedene Kategorien sowie Balkone und ein Aufzug waren – je nach Ausbaustatus im Laufe der Jahrzehnte – ebenfalls vorhanden. Post-Stelle und Garagen folgten – siehe unten im Kapitel über die Geschichte des Hauses.

Diashow:

Heute werden noch der Große Speisesaal und der Waldorfsaal bespielt, der Grüne Salon und die Foyers rund um das Entrée genutzt – nicht zuletzt für den Kultur.Sommer.Semmering, auf dessen Verlautbarung zur Post-Corona-Kulturnutzung ich gerade jetzt besonders gespannt warte und über dessen Organisation es sich trefflich mutmaßen lässt. Wir werden (bald) sehen.

Foyereinsichten

Der Grüne Salon

Der Grüne Salon bei den Sommerfrische Gesprächen

Belle Epoque Feeling im Südbahnhotel beim Kultur.Sommer.Semmering

In den letzten Jahren durfte das Südbahnhotel Kultur-Location für den Kultur.Sommer.Semmering sein – teils auch deswegen, weil das Kurhaus Semmering für eine Saison dafür ausgefallen war – wie hinlänglich berichtet. Ich war mehrmals dort – aber in schönster Erinnerung sind mir die Belle Epoque Diners, an denen ich teilnehmen durfte.

Diashow:

obere terrasse südbahnhotel

Die Aussicht von der Oberen Terrasse beim Kultur. Sommer.Semmering

Voran gingen diesen Soupers jeweils Lesungen – einmal von Burgtheater Doyenne Elisabeth Orth (die sich mit Stefan Zweigs „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“ zeitlich ein wenig verschätzt hatte und deren Lesung zum Marathon-Projekt geriet, einmal mit Senta Berger, Alfred Polgars Betrachtungen über Mann und Frau deutlich kurzweiliger darbrachte.

Das lag aber auch an der Tatsache, dass sich Zweig selten kurz und prägnant auszudrücken pflegte – Polgar seine Betrachtungen da eher pointierter vorzubringen trachtete.

Kultur.Sommer.Semmering
Über meinen Kultursommer in Vor-Corona-Zeiten im Jahr 2019 habe ich einen eigenen Beitrag geschrieben. Den voraussichtlichen Spielplan des Kultur.Sommer.Semmering für den Corona Sommer 2020 gibt es alsbald online.

Bei Events des Kultur.Sommer.Semmering darf man zum Apéritf auch die obere Terrasse betreten.

Der Waldorfsaal fertig zur Lesung von Elisabeth Orth

Am Anfang war die Südbahn – dann die Grand Hotels und Villen am Semmering

Einen Ausflug in die wilden Berge zu machen, das war im Wien des Biedermeier verpönt. Überlandpartien und Sonntagsausflüge unternahm man in die Wiener Vororte, das war Abenteuer genug. Auf Kur zu fahren, das war gerade noch im Rahmen dessen, was man sich abenteuertechnisch vorstellen konnte. Erst mit der Eisenbahn änderte sich diese Einstellung nachhaltig. Schon während der Baustelle gab es Touristen-Besichtigungen mit Pferdekutsche zu den Tunnels, der erste Zug überwand die Semmering Passhöhe zwischen Gloggnitz und Mürzzuschlag 1854, ein technisches Bauwunder in der bizarren Felswelt rundum.

Links das Südbahnhotel, rechts das Kurhaus Semmering bei der Station Wolfsbergkogel

Unterwegs auf Foto Tour entlang der Südbahnstrecke

 

Bahnstationen einst und jetzt
Denn: 1854 war der Semmering auf 896 Metern Seehöhe der höchste auf Schienen erreichbare Punkt der Erde. Heute liegt dieser Punkt in Tibet auf über 5000 Metern…

 

Offene Aussichtswagen und Massenaufläufe sondergleichen waren die Folge. Drei Jahre später konnte man schon von Wien nach Triest mit der Bahn durchfahren – der Weg ans Meer war frei. Über die Südbahn muss ich unbedingt noch einen eigenen Artikel schreiben, auch über die einst so zahlreichen Bahnwärterhäuser entlang der Strecke…

Der Wolfsbergkogel mit der gleichnamigen Bahnstation in unmittelbarer Nähe des Kurhaus Semmering  war wohl die Geburtsstätte des Ortes Semmering: Dort entstanden schnell Ausflugsgasthäuser („Jubelhalle“) und Touristenheime für weniger betuchte Tagesgäste. Heute sieht es dort ein wenig traurig aus beim Aussteigen – das wird sich aber ändern, sobald beim Kurhaus Semmering wieder eine Gästeschar einzieht.

Wolfsbergkogel

Bei der Station Wolfsbergkogel im Jänner unterwegs

Die Südbahngesellschaft roch jedoch das große Geld und investierte schnell in riesige Prestige-Bauprojekte, am Semmering mit dem Südbahnhotel wie auch in Toblach in Südtirol oder in Abbazia am Meer.  Jene, die es sich leisten konnten, folgten mit dem Bau eigener Villen am Semmering – viele davon kann man heute noch sehen, wenn man weiß, wo man hinschauen soll. Das Panhans um die Ecke war in Konkurrenz zum Südbahnhotel für eine damals sportlichere und jüngere Clientèle entstanden – warum aber dann gerade Peter Altenberg dort gerne abstieg und sich den Aufenthalt von Karl Kraus und Konsorten finanzieren lässt, erschließt sich mir dabei nicht…

Vom Villenviertel aus gesehen

Historisches Wetterhäuschen mit Ausblick aufs Südbahnhotel. Kurhaus Semmering im Hintergrund

Da bleiben keine Fragen offen.

Das Südbahnhotel, wie es heute noch genau auf 1000 Metern Seehöhe dasteht, entstand in vielen Bau-Etappen. Der Ziegelteil ist der älteste Teil dabei, nicht jener mit den Türmchen – der folgte erst ab 1901 – 1903 – um Speisesaal und Waldorf Saal ergänzt. Auch der Waldhof hintaus, den man heute noch sehen kann und der einst beheizte Verbindungsgang dorthin sind heute noch sichtbar, wenn man wie ich – mit Hund um´s Haus streicht… Noch ein Trakt kam später hinzu, er beherbergte eine eigene Post-Stelle, der Schalter ist heute in Küb am Postamt zu sehen.

Der einst beheizte Verbindungsgang vom Hotel zum Waldhof, der Dépendance

Hinter-Ansicht des Hotels

Zu der riesigen Anlage, über deren Weitläufigkeit man heute, wenn man alte Bilder oder Skizzen anschaut, nur staunen kann – gehörten u.a. ein Golfplatz, Skeleton- und Eislaufplatz, ein Café, ein Kino, eine Meierei und eine Wäscherei (heute per Wanderweg hintaus erreichbar). In den 1930er Jahren musste man sich mit dem Bau eines Hallenbads mit Flügeltüren zum Öffnen gegen das 1888 auf der Pass-Höhe vom einstigen Koch des Südbahnhotels schnell hochgezogene Panhans behaupten, das mit einem Alpenbad klotzte – das Südbahnhotel zog mit seinem eigenen Bad mit großen Fensterfronten nach. Auch zu jener Zeit entstand eine Garage mit beheizten Boxen – die Zeit der Kutschen-Transfer vom Bahnhof war langsam vorbei. Auch in der Wintersaison klotzte das Hotel – mit Pisten und eigener Skisprungschanze gar.

Verblichene Reste der Buchstaben

Von der Straße aus gesehen

Der Waldhof existiert noch.

Nach 1945 öffnete das Südbahnhotel noch einmal und blieb bis in die 1960er Jahre als Hotel in Betrieb – doch an die großen Erfolge mit der früher so betuchten Clientèle konnte man nicht mehr anschließen. Seit den 1970er Jahren ist ein Teil in eine Eigentums Wohnungsanlage gewandelt, ebenso der Waldhof dahinter.

Das Panhans. Auf dieser Seite befand sich einst das große Alpenbad des Panhans.

Im Panhans habe ich übrigens schon mehrere Male genächtigt, im Südbahnhotel wird mir das nie gelingen. Denn ein Teil ist mit fixen Wohnungen verbaut und der restliche Raum würde sich heutzutage niemals mehr als Hotel rechnen – glaube ich zu wissen. Sollte das Panhans wieder eröffnen – der Termin wird seit Jahr und Tag hinausgeschoben – gibt es einen eigenen Bericht dazu. Irgendwann.

Wer mehr zur Südbahn und den Grand Hotels dazu lesen will, als hier am Blog Platz hat, sollte sich in das Standardwerk von Désirée Vasko-Juhasz über „Die Südbahn, ihre Kurorte und Hotels“ vertiefen – ich habe bereits Stunden und Tage damit zugebracht. Quel Plaisir!

Noch mehr Fotos und viel Geschichte(n) rund um die Südbahn und ihre Hotels und Besucher gibts auch auf meinen Berichten über das Kurhaus Semmering oder das Villenviertel am Semmering nachzulesen.

Südbahnhotel

Ausblick auf den ganzen Komplex des Hotels – vom Wanderweg bei der Doppelreiter Warte aus

Lesetipp: Das Hotel Miramar in Opatija – K.u.K. Flair in Abbazia

Lesetipp: Als Grado noch bei Österreich war – Schlag nach bei Michael Dangl

Meine LINKS rund um Sommerfrische, Kultur und Palasthotels

Südbahnhotel hinten

Verborgene Blicke auf das Südbahnhotel – das sieht nur, wer mit dem Hund durch das Gestrüpp streift.


LITERATUR und Recherche rund um das Südbahnhotel

  • Kurier online
  • Yvonne Oswald
  • Die Presse online
  • Das Standardwerk: Die Südbahn
  • Einmal Wien – Triest, das Südbahnlesebuch
  • Joseph Roth: „Stationsmeister Fallmerayer“
  • Stefan Zweig: „Brennendes Geheimnis“
  • Arthur Schnitzler: „Das weite Land“, „Der Weg ins Freie“
  • Südbahnmuseum Mürzzuschlag

 

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