Probier mal PILSEN statt Prag: Adolf Loos und seine Intérieurs.

EIgentlich wollte ich nur wegen Adolf Loos nach Pilsen. Weil man dort noch einige Wohnungen aufsuchen kann, die der Architekt selbst geplant und ausgestattet hat. Wann er das getan hat? Ende der 1920er Jahre.

Eine typische Loos Lampe auf typischem Loos-Grün im Flur der Wohnung Brummel

Wie kann ich mir die Zeit rund um 1927/28 vorstellen, wenn ich staunend in den besagten Loos Wohnungen in Pilsen stehe, vor Bücherregalen voller Werfel, Rolland und Vicky Baum Büchern?

WEITERLESEN: Die Hintergründe zur Affaire LOOS 1928
Die geniale Brummel Generationen-Wohnung etwa – entstand Ende der 1920er, als Loos hocherfolgreich und arbeitsam zwischen Paris, Wien und Pilsen pendelte und daheim in Wien gleichzeitig ein Gerichtsverfahren gegen ihn im Gange war. Die Gerichtsakten zum Fall Loos aus dem Herbst 1928 galten als verschollen und gelangten erst vor einigen Jahren wieder ans Tageslicht. Loos, schon damals fast taub, hatte bereits Wohnungen, Häuser und Salons u.a. für Helena Rubinstein, Alexander Moissi und Josephine Baker entworfen und galt in Wien als  Herr und Meister der Architektur.  Wiener kennen das Looshaus, das Portal des Verlages Manz, die Loos-Bar und den ehemalige Knize Herrenausstattersalon am Graben. Die Pilsener Brummel Wohnung begann er 1927 zu entwerfen.

Ein typischer Loos-Luster und die typische Zimmerflucht

Sein großer Konkurrent Josef Hoffmann arbeitete ähnlich puristisch (ein bisschen Ornament war bei ihm aber erlaubt, inkl. more of Jugendstil), war dem großen Loos aber verhasst („Ich warne Sie vor Josef Hoffmann!“). Ganz unerfolgreich war der Kontrahent als Otto Wagner Schüler aber denn doch nicht – mit seinen guten Netzwerk,  u.a. seinem Salon für Klimt Freundin Emilie Flöge, dem Grabmahl für Gustav Mahler und dem genialen Sanatorium Purkersdorf (vermittelt durch die Meinungsmacher-Achse Zuckerkandl-Mahler-Moll, eh klar).

Adolf Loos Anfang der 1930er Jahre – Hörgerät immer dabei.

Josef Hoffmann musste sich allerdings nicht mit fadenscheinigen und hanebüchenen Ausreden um Kopf und Kragen reden, so wie das Loos 1928 bei seiner Verhandlung tat. Schon während des Verfahrens erwirkte er zeitweise einen Dispens, um tageweise nach Pilsen (er war ja ein vielbeschäftigter Architekt) fahren zu können. Als das „ausgestanden“ war, ein Urteil milder als mild ergangen war, die Anklage in fast allen Punkten fallen gelassen worden und seine mickrigen 4 Monate Arrest dank seiner Freunderlwirtschaft schließlich auch noch erlassen worden waren, ging es für Loos endgültig nach Pilsen – in die Arme seiner dritten Ehefrau, der tschechischen Fotografin Clara Beck, die ihm ebendort Aufträge vermittelte, bis er nach der Scheidung und zum Sterben quasi nach Wien zurückkehrte. Nicht ohne im Sanatorium Kalksburg noch Pläne für eine 4. Ehe geschmiedet zu haben.

Einen Nachruf auf Loos – voll der Hymnen und ohne auch nur den winzigsten Ausdruck eines persönlichen Makels auf dem Haupt des Verstorbenen – schrieb übrigens Stararchitekt Clemens Holzmeister (der von der legendären Faust-Stadt bei den Salzburger Festspielen 1933).

Loos´gute Kontakte zu den Meinungsbildnern des Café Central Karl Kraus und Peter Altenberg (deren Taufpate er war), sein unglaubliches Netzwerk an Wiener Freunderln und Medienmachern, befangene Gutachter aus dem selben Freundeskreis und getürkte Untersuchungen durch befreundete Ärzte sowie die damals herrschende Doppelmoral hatten ihn aus der Pädophilie-Affaire gezogen. Soviel zu den Umständen damals – mit diesem unumgänglichen Wissen jetzt zu den Loos Wohnungen nach PIisen, die während dieser Zeit entstanden.

Die Türen zu den edel ausgestatteten Intérieurs, die man also aus dieser umtriebigen Zeit in Pilsen noch und dank der „Pilsen – Kulturhauptstadt 2015“ wieder besichtigen kann, sind die Eintrittskarte in eine vollkommen andere Wohnwelt als heute – aber auch wieder nicht. Klare Linien und viele geometrische Parallelen (ich liebe Parallelen!), praktische und puristische Innengestaltung und sogar Generationenwohnungen – na, wenn er da nicht seiner Zeit voraus war.

Leider war 10 Jahre später von diesem gepflegten, intellektuellen Lebensstil der jüdischen Besitzer nicht mehr viel vorhanden – dass man Krawatten, Hüte und Schuhe ordentlich im maßangefertigten Mahagoni Kasten mit Geheimfach verstauen konnte, war dann nicht mehr wichtig. Dann ging es für die Wohnungseigentümer nur noch um Flucht und das nackte Überleben.

Drei Loos-Wohnungen stehen den interessierten Besuchern heute offen, acht sind erhalten und 13 waren es ehemals in ganz Pilsen.

„Das Lied der Bernadette“ aus der Wohnung Brummel – Franz Werfel war auf der Flucht vor den Nazis von Lourdes über die spanischen Pyrenäen in die USA, als er gelobte: Sollte er diese Flucht überstehen, würde er ein Buch über die wundersame Geschichte der Bernadette schreiben. Er gelangte nach Kalifornien mit der Hilfe von Varian Fry.
  • Wohnung 1 – Das Haus der Familie Brummel in PILSEN

Über ein Treppenhaus, das dem Goethes in Weimar nachempfunden ist, geht es in die Generationenwohnung der Brummels. Viele verschiedene Sitzgelegenheiten machen das Wohnzimmer zu einem wirklich gemütlichen, aber auch edlen Ort. Die Schwiegermutter darf im knallgelben Damensalon wohnen und sich von Van Goghs Sonnenblumen inspirieren lassen. Das Schlafzimmer ist betont puristisch, das Innenleben der Kästen so ausgeklügelt wie bei IKEA. Lange konnte sich die Familie Brummel an ihrem wohl teuren Intérieur nicht erfreuen: 1939 wurden sie ins KZ deportiert, aus dem nur das Ehepaar zurückkam. Von den Kommunisten wurden wie ein 2. Mal enteignet und in die Dienstbotenkammer gepfercht. Erst 1991 wurde das Brummel Haus restituiert und ist nun im Besitz des Neffen, der es für die Öffentlichkeit frei gegeben hat. Danke!

  • Wohnung der Familie Vogl PILSEN

Der berühmte „Knieschwimmer“ findet sich hier auch, ebenso wie ein Hocker zum Verkehrtsitzen (alles getestet, hier darf man!) Der Salon ist ebenso gemütlich wie praktisch für größere Gesellschaften – wieder viel grün und verschiedenste Lampen als Spotlights. Die Familie Vogl kehrte nach dem Krieg niemals zurück.

  • Wohnung der Familie Kraus

Diese Wohnung wird heute als Event-Location verwendet. Spannend die damaligen Kippschalter für die Lichter, die zahlreichen Anrichten in den Speisezimmern und wieder diese Zimmerfluchten, die durch Parallelen, Fenster, polierten Marmor und Spiegel immer noch größer und weiter wirken als sie wirklich sind. Kraus schaffte es nicht mehr, seine Familie ins rettende England nachzuholen, seine Frau und die Kinder kamen im KZ um.

Zu Besuch in PILSEN: Die Adolf Loos Intérieurs.

Die Wohnungen in PIlsen sind alleine schon einen Stadtbesuch wert. Und das Beste daran: Sie sind erhalten, man kann sie besichtigen und ein wenig das Ambiente der 1920er Jahre einatmen –  trotz der traurigen Schicksale, die ihren Eigentümern widerfahren sind und trotz der umtriebigen Machenschaften des großen Herrn Architekten aus Wien. Allein der Besuch dieser drei Wohnungen in Pilsen hätte mir schon genug Anlass zum Denken, Lesen und weiter Recherchieren gegeben und hätte einen Citytrip gerechtfertigt.

Aber dann noch Pilsen selbst! Nicht mal ein Stündchen von Prag entfernt und optimal für einen Weekend-Citytrip geeignet. Und das sag ich nicht nur wegen des Loos-Intérieurs, sondern auch wegen des wunderschönen, riesigen Hauptplatzes (pardon, Platz der Republik – da ist man jetzt streng), dem berühmten Pilsener Urquell Bierchen (gehört jetzt übrigens den Japanern) und noch so einigen anderen Sehenswürdigkeiten, die einen Weekend Trip dorthin unbedingt lohnen.

Zu Besuch in PILSEN: Nicht nur wegen Loos. 

Ein Citytrip nach Pilsen – Ihr werdet es nicht bereuen. Prag kannte ich schon, Marienbad und Franzensbad stehen allein wegen ihrer literarischen Vergangenheit auf meiner persönlichen Reiseliste, Cesky Krumlov detto (seitdem ich jüngst die neuen Egon Schiele Museen in Tulln besucht habe), und nun: Pilsen, ein Plädoyer.

  • Der Platz der Republik mit seiner Kathedrale und den Brunnen. Besonders schön vom Dom aus zu überblicken.
  • Der PIlsener Untergrund: Ein bisschen wie Weinviertel und Retz zusammen. Ein unterirdisches Labyrinth aus dem Mittelalter, das Brauerei Museum ist gleich nebenan.
  • Das historische Zentrum mit Bauwerken wie der Oper, der großen Synagoge oder die vielen alten Giebelhäuser und historischen Fassaden.
  • Das Pilsener Urquell: Das berühmte helle, untergärige Lagerbier gibt es seit 1842. Ein riesiges Gelände, eine noch größere Flaschenabfüllanlage, ein Besucherzentrum mit Restaurant und eine tolle Führung in die unterirdischen Gefilde der Brauerei. Super Rundgang mit Guide Olga inkl. Verkostung („Bier macht nicht dick, meine Damen. Sondern nur das Essen danach!“)
  • Hoteltipp: Vienna House Easy Pilsen. Gegenüber der Brauerei gelegen, supercoole Rezeption, Fitness Center (selbst getestet), Blumen zum „mit rauf nehmen“, damit man im Zimmer nicht so alleine ist und gemütliche Cityhotel Zimmer – neu und stylish.
  • UNESCO WELTERBE: Das tschechische Marionettentheater. Unbedingt das Puppen- und Marionettenmuseum am Platz der Republik besuchen – überraschend spannend, beeindruckend und entzückend.
  • An jeder Ecke Jugendstil und Gründerzeit Fassaden – Soviel gibt es zum Schauen in der Innenstadt!

Weiterlesen:

HINWEIS: Die Einladung nach Pilsen erging von der Tschechischen Zentrale für Tourismus in Kooperation mit Pilsen. Die oben vermittelten Eindrücke, Schlüsse und Folgerungen sind meine eigenen.

QUELLEN:


 

 

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