Slow Travel auf Texel: Von Hunden, Schafen, Deichen und Dünen.

Polder, Dünen, Strände, Waale, Leuchttürme, Deiche, die Reede und Lekker Kibbeling – Fremdworte für uns ÖsterreicherInnen. Wenn ich meinen „Schimmelreiter“ nicht gelesen hätte, würde ich auf TEXEL überhaupt nur Bahnhof statt Deich verstehen. Vielleicht ziehe ich mir auch noch Theodor Storms „Menschen hinter Deich und Dünen“ rein –  Nordsee ist Nordsee.

Radwege am Deich – auf Texel

Mein erstes Mal Nordsee: TEXEL

Ich war jüngst auf der westfriesischen Insel Texel in der Nordsee, Niederlanden. „Wer und wo und was ist Texel?“ – so die verständnislosen Fragen meiner Umgebung zuvor. Jetzt kann ich sagen: Eine genial flache Insel im holländischen Wattenmehr mit einem Berglein von 15 Metern (!) nahe Den Helder mit unglaublich viel Schafen, Natur, weißen Stränden, Radwegen, Wassermühlen, Wind, Slow Food und überhaupt: Slow Travel.Texel

„Zuidersee“ und „IJsselmeer“ – sind Begriffe, an die ich mich noch aus meinem Geografie-Unterricht erinnern kann. 35 Jahre hat es gedauert, bis ich vorort endlich verstehe, worum es dabei, beim Wattenmeer sowie den Deichen und Poldern eigentlich geht. Die Reede (Liegeplatz vor einem Hafen) Texel war im 16. und 17. Jhdt. ein hyperwichtiger Drehpunktefür alle Schiffe, die zum Handel Richtung Frankreich, Portugal, Spanien und Asien (Ostindische Compagnie!) unterwegs waren und dort anlegten, bis der Wind günstig war. Hier in Texel gings quasi zu wie in Shanghai oder Rotterdam – high life am Hafen mit allem, was dazu gehört: Kneipen, Frauen, Alkohol, Schmuggel. 

Heute ist Texel in der Hochsaison eine Touristenhochburg und in den Nebensaisonen eine Traum-Destination für Vogel- und Naturliebhaber, Hundebesitzer, Radfahrer, Camper und Slow Food Fans. Also für mich.

Texel ist hundefreundlich. Sehr.

„Texel mit Ihrem Hund entdecken“, „Ihr Hund darf dort hin, wo auch Sie hin dürfen“ und „Im größten Teil der Insel muss Ihr Hund nicht angeleint sein“ – das sind Sätze, die jeder österreichische Hundefreund liebt, aber nie hört. Auf Texel ist das Programm. Natürlich gilt auch hier: Naturschutzgebiete und Vögel oder Schafe Jagen ist tabu und selbstredend gibts einige Ausnahmen von der großen Freiheit (bewachte Strandabschnitte, Spielweiden, einzelne Wäldchen).

Aber ansonsten: Selten soviel entspannte, ruhige und vor allem nicht-kläffende Hunde unterwegs auf den Stränden gesehen. Und die Strände sind: KILOMETERWEIT und extrem breit. Rund um den Leuchtturm bei Paal 33 (Achtung, Fachausdruck!) kam ich aus dem Staunen gar nicht heraus, wie breit so ein gleißend weißer Sandstrand sein kann – die glücklichen Hunde darauf waren kaum auszunehmen mit freiem Auge. Dann noch ein passender Strandpavillion in Wander-Entfernung wie der „Strandpavillon Kaap Nord“, mit Sonne und ohne Wind – Blick auf den Kitsurfer und ein heißer Minzetee, eine heiße Schoko oder ein kaltes Texel Bier: Wow, so muss Slow Travel mit müdem und sandigem Hund sein.

Jeder Texel-Fan hat übrigens seinen eigenen Paal-Geheim-Tipp, wo es sich besonders romantisch in den Dünen picknicken, mit dem Hund spielen oder wandern und einkehren lässt. Die Facebook Gruppen sind da sehr hilfreich bei der Planung einer Texel-Reise!

Hier hätte ich ungefähr noch ewig sitzen können. Vor dem Strandpavillon.

Texel steht für Slow Food mitten in der Natur.

Es gibt einiges durchzukosten auf der Tour über die Insel Texel: Viele Bauern haben sich der Nachhaltigkeit verschrieben, setzen wieder auf das Wissen aus alter Texel-Zeit und produzieren und vermarkten das, was die Insel hergibt:

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Ansonsten genießt man auf Texel Heiße Schokolade zum Aufwärmen nach den Strandspaziergängen, Allerlei Gebackenes in Form von Kroketten auf hellem und dunklem Brot (ohne unnötigen gesunden Firlefanz rundum), Salate mit Lachs oder „Geitenkaas“, den besagten lekker „Kibbeling“ – einen hiesigen Fisch, natürlich auch gebacken – oder aber Fritten in allen Ausprägungen. Bei letzteren ist allerdings die Beilage interessant: Fritten isst man hier mit rohen Zwiebeln oder diversen Saucen wie Mayo, Remoulade, Curry-Ketchup oder als „friet Orloog“ (Pommes Frites „Krieg“) mit Erdnuss-Sauce und Mayo im Mix. Erdnuss-Sauce zum Drübergießen ist übrigens hier ganz wichtig – ein kulinarisches Überbleibsel von den Indonesiern quasi. Danach darf ein Texeler Kräuterbitter namens „Strandräuber“ („Juttertje“) nicht fehlen.

Texel ist für RadfahrerInnen gemacht.

Außer Reisen, Hunden und Essen: Ich liebe Radfahren. Wobei ich eher ein Flachfahrer bin, dafür fast Gegenwind-resistent als Weinviertlerin. Hervorragende persönliche Voraussetzungen für Tägliches Radeln auf Texel.

Radwege mit ausgeschilderten Knotenpunkten (Fachausdruck: „Fietsen op Texel“ mit der „Fietskaart“), fast immer baulich vollkommen getrennt von den Straßen oder aber als eigener Streifen (beide Richtungen) auf der Straße. Die Autofahrer scheinen mit reichlich Langmut gesegnet, hier sind Radfahrer keine Exoten und keine bösen Gutmenschen. Ja, der Wind geht immer, aber das tut er bei mir daheim im Windviertel, äh Weinviertel ja auch. Mit dem Rad lassen sich sämtliche sehenswerten Stationen, Naturparks, Museen, Mühlen, Strandpavillons etc. anfahren – Slow Travel: Per Rad zum Slow Food quasi.

Mit dem Rad und Sattelschoner aus Schaf – Richtung Texel Brauerei.

Ganz wichtig für radelnde HundebesitzerInnen: Auf Texel gibt´s nicht nur an jeder Ecke jede erdenkliche Art von Rädern zu mieten, sondern auch die dazugehörigen Anhänger: Ob für Kinder oder – Hunde. Dort ist das ganz normal, hab ich mir sagen lassen. Auch normal ist es, dass es hier eine „Lämmer-Radroute“ gibt (Broschüre beim VVV Texel holen!), die auf 35 Km über die lämmerreichsten Radwege der Insel führt. Entzückend!

Eine Schafscheune mit ihrer typischen Form: Der Wind kommt hier meist aus Südwesten – im Windschatten finden die Schafe Schutz.

Texel und die Schafe.

Ich liebe (außer Reisen und Fotografieren und Essen und Radfahren) überhaupt Tiere aller Art: Auf Texel gibt´s zeitweise mehr Schafe mit Lämmern als Einheimische und das ist gut so. Denn das Schaf scheint per se für Slow Travel zu stehen …

Wer drei Minuten auf drei Schafe schaut, ist für drei Stunden ganz ruhig und entspannt.

So meine persönliche Hochrechung und ich bin normalerweise eigentlich nie entspannt.

Anfang Mai ist Hochsaison beim Lämmer-Nachwuchs der international berühmten und auch in Australien begehrten Texel-Schafe. Schon in Australien war ich begeistert von den Schaf-Farmen, dem Scheren und den Hütehunden (habe dort sogar gecampt). Hier in Texel radelt man durch Schafherden, sieht man sie am Deich dösen und am Polder chillen oder man kann mit den ganz Kleinen schmusen.

Fachausdruck: „Lammetjes knuffelen“ auf der Schaffarm Schapenboerderij Texel bei Lennert und Familie. Dort sieht man auch, wie die überaus engagierten Kelpies (australische Hütehunde) ihrer vielfältigen Aufgabe nachgehen…

Übrigens brauchen die Texel-Schafe auch beim Lämmerkriegen die helfenden Hände ihrer Bauern – die sind dann im Frühling Tag und Nacht auf Abruf und in mehreren Schichten für ihre Schafe da – als Geburtshelfer.

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Wer auf Texel übrigens einem Texel-Schaf auf dem Rücken liegen begegnet, der muss Hand anlegen: Das Texel-Schaf gilt zwar als „Popstar“ unter den Schafen, es ist aber mit breitem Rücken gezüchtet (damit sie mehr Fleisch an den Rippen ansetzen) und damit eher unbeweglich, wenn es mal stolpert. Da heißt es, den umgekippten Schafen beherzt ins Fell greifen und sie wieder auf alle vier dünne Beinchen zu stellen. Angeblich gibts für jeden Schaf-Retter einen Schnaps. Das legendäre Fleisch hab ich übrigens nicht gekostet. Daheim esse ich auch kein Wild, wenn mir jeden Tag drei Mal das Wildrudel vor der Nase rumtanzt.

Viel eher wickle ich mich in Schafwolle. Auch das geht: Im (übrigens mehr als empfehlenswerten) Boutique Hotel Texel wird „WoolNess“ geboten. In einer Art hölzernen Kinderkrippe wird man in superfrischer und sauberer, nicht riechender darür lanolinweicher Schafwolle eingewickelt, für ein halbes Stündchen zum Rasten und Gesunden allein gelassen. Gut gegen Rheuma! Und das hervorragende Frühstück mit vielen Spezialitäten von der Insel – alles regional – ist ein Traum. Naturbelassener Campingplatz übrigens gleich dahinter!

Texel ist Slow Travel pur. In der Nebensaison.

Angeblich beginnt ein Texel-Urlaub mit dem ersten Texel-Bier auf der Fähre. Dieselbe startet in Den Helder und ist in 20 Minuten auf der Insel. Der erste Eindruck beim Ankommen täuscht übrigens. Man wohnt im Campervan, im Reet-gedeckten Ferienhaus nahe den Dünen (hochbegehrt) oder in einem der Hotels, Pensionen und Gasthäuser auf Texel. Ein, zwei oder mehrere Haustiere? Scheint kein Problem für die Insulaner zu sein. Nur zu den Feiertagen, langen Weekends und in der Hochsaison – da dürfte die Insel aus allen Nähten platzen.

Auf der Fähre.

Aber Slow Travel macht sich ohnehin am besten in der Nebensaison und so bekomme ich auf meiner Radltour überall das schönste Sonnenplätzchen: Beim Koffie-Trinken am Hauptplatz, mit dem Fahrrad am Hafen in erster Reihe in Oudeschild, mit den Füßen im Sand beim Strandpavillon mit Blick auf den Kite-Surfer. Überall warten Hundenäpfe auf tierische Gäste und Rad-Ständer gibts auf der Insel wohl mehr als in der Weltstadt Wien.

Die Dünen und Deiche, die Polder und kleinen Kanäle, die die Insel durchziehen und dafür sorgen, dass Texel noch nicht weggeschwemmt ist – sie alle sorgen für ein gemächliches Reisetempo und einen entschleunigten Aufenthalt. So kam es zumindest mir vor. Die Insel ist nur 24*7 Kilometer lang, an jedem Kreisverkehr geht´s in jede Richtung und auch als Radfahrer kann man sich nur mit bösem Willen verfahren. Ein Ort ist malerischer als der andere, wobei besonders Oosterend sehr gut anzukommen scheint. Rund um Den Burg kann man hervorragend durch die Gässchen schlendern und hübsche, nordseelastige Mitbringsel erstehen.

Der lange Strand an der Westküste bietet beaufsichtigte Strandabschnitte und dazwischen mehr als reichlich viel Platz für einsames Sonnenbaden oder Hundespaziergänge. Von Paal 7 bis 30 hat jeder Texel-Kenner seinen Geheimtipp parat. Pittoresk wie es sein soll, ist der Leuchtturm ganz im Norden: Wer oben steht, glaubt die Erdkrümmung sehen zu können. Ein Traum in weißblau, die Aussicht.

Texel ist was für Natur- und Meeres-Freaks.

  • Rotgänse-Schutzgebiet und Utopia: Eine riesige Gänsepopulation mit mehr als 7000 Brutpaaren erfreut Ornithologen und Naturschützer, aber ärgert die Bauern. Deswegen: Kontrollierte Gänsegeburten (ein bisserl wie in China…) sollen Abhilfe schaffen und dennoch Texel weiterhin ein Naturparadies für Vögel bleiben lassen. „Utopia“ nennt sich das jüngste Naturschutzgebiet im Osten der Insel, das geflutet wurde und nun optimal für die Löffler geeignet ist. Füchse, die ihnen gefährlich werden könnten, gibt es auf der Insel nicht.
  • Gebiet rund um De Slufter: De Slufter ist das einzige Naturschutzgebiet, in dem Meerwasser ein- und ausfließen darf – unkontrolliert. Leider war ich nicht dort, aber die Fotos online sprechen Bände.
  • Museum Kaap Skil hat im Freigelände eine Getreidemühle, original Bauwerke aus den letzten Jahrhunderten vom Inselleben, eine Halle voller angeschwemmter Sammelsurien und im Untergeschoße ein GENIALES 1:10 Modell der Reede von Texel aus dem 17. Jhdt. mit Tag- und Nachtanimationen.
  • EcoMare: Eine Auffangstation für alte, kranke und blinde Seelöwen in Pension, Robben und Vögel werden aufgepäppelt – ansonsten Infos über das Wattenmeer, Fauna Flora und Umweltschutz.

Aber: Texel muss man sich als ÖsterreicherIn „erarbeiten“.

Die riesigen Grünfläche rund um Deiche und Polder, das holländische Idiom, das Gehen in den „Klompen“, die Wassermühlen und die traumhafte Gegend – daran kann man sich schnell gewöhnen. Aber dass die Insel Texel in einem permanenten Kampf mit dem Wasser liegt, dass man kostbares Süßwasser abpumpen muss, um nicht überschwemmt zu werden und dass der höchste „Berg“, ein Überbleibsel aus der Eiszeit, gerade mal 15 Meter hoch ist – daran muss man sich als ÖsterreicherIn erstmal gewöhnen. Aber irgendwie dürfte die Ebene den Kopf frei machen und obwohl ich Berge liebe – hat es mir auf Texel mit dem fast grenzenlosen Weitblick unglaublich gut gefallen. Auch werden bei uns keine Pottwale angeschwemmt, wie das 2016 auf Texel der Fall war.

Die Dünen und die Pumpwerke: Ganz wichtig für trockene Füße auf der Insel. So wie unser Hochwasserschutz in etwa. Auch sprechen wir in Österreich nur holpriges Deutsch – trotz des florierenden Tourismus – auf Texel hatte ich den Eindruck, dass man problemlos zwischen niederländisch, deutsch, englisch wechselt – UND dabei freundlich bleiben kann. Hierorts nicht selbstverständlich 🙂

Der tiefste Teil Österreichs liegt im Seewinkel (war erst unlängst dort auf Recherche), ich selbst wohne im trockensten Teil Österreichs und vom Leben an Meer und Dünen haben wir hier keine Ahnung. Ja, es ist gewöhnungsbedürftig, mit einem Blick fast über die ganze Insel sehen zu können: Keine Hochhäuser, keine Bauwerke, keine Berge oder Hügel – nur flache Ebene mit Feldern, Tieren, Kanälen, Mühlen und Bauernhöfen. Wäre optimal für saubere Energiegewinnung mit Windrädern – aber davon gibt es nur eines auf Texel. Dennoch: Autarke und saubere Energiegewinnung, davon träumt man auf Texel. Dauert aber noch.

TIPP: Meine Kollegin Martina reist mit ihren beiden Rhodesian Ridgebacks und hat schon viel mehr Texel-Erfahrung gesammelt als ich. Alle ihre authenten Reiseberichte von Texel findet ihr auf Hunde Reisen Mehr – dort gibt es auch noch mehr Geheimtipps, zb wo es die besten Palatschinken gibt und wie es sich in den Naturschutzgebieten mit Hund so wandert.


HINWEIS: Ich wurde vom VVV Texel in Kooperation mit Forvision auf die Insel Texel eingeladen. Untergebracht war ich in einem Standardzimmer im historischen Hotel de Lindeboom mit seiner hervorragenden Brasserie mit authentem Ambiente sowie im Boutique Hotel Texel in einem komplett neuen modernen Wohlfühl-Zimmer mit Gartenzugang, gepflegtem Dinner und Woolness-Behandlung. Die Meinungen in diesem Artikel sind dennoch, wie unschwer herauszulesen, meine ganz eigenen.

 

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