Für 48 h nach Shanghai: Warum ich mir das antu´.

Alles freiwillig: Ankunft nach 10h Flug in Shanghai 6 Uhr Airport, 8 Uhr Hotel, Tourstart um 13 Uhr, abends unterwegs bis 23 Uhr. Anderntags von 10 bis 22 Uhr on the road und nach einer schlaflosen Nacht gehts wieder zum Airport und heim nach Wien.shanghai

Kollege Gerhard Liebenberger von Andersreisen.net ist besorgt: „Du fliegst morgen nach Shanghai? Aber bist Du denn da bis zu unserem Strategiemeeting am 5.11. wieder da?“ Wir schreiben Sonntag, den 23. 10. 2016 und ich sitze abends noch lange an der Arbeit in meinem Homeoffice. Ja, anderntags gehts nach Shanghai – aber nur für 48 Stunden. 48 Stunden vorort in einer der größten Städte der Welt, einer chinesischen Industriestadt. Inkl. 2 Mal Schlafen, wohlgemerkt – ganz wichtig.  Der Hinflug dauert 10 Stunden, retour fast 11 Stunden, Verzögerungen und Transfers noch gar nicht mitgerechnet.  Warum ich mir das überhaupt antue?

Stichwort: Als „Purserbraut“ nach Shangai.

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Mein Mann fliegt als Purser onduty auf diesem AUA Flug nach Shanghai und da der Aufenthalt doppelt so lang ist wie sonst, gilt im Airliner-Sprech: Es ist ein „langes Shanghai“  für die Crew und ich komm´mit. Und ich habe mich schon sehr darauf gefreut. Und ich tue es gerne und freiwillig. Und ja, es ist anstrengend, aber das mein 14 StundenTag daheim auch. Und ich bewege mich mal wieder aus meiner Komfortzone, denn in Shanghai war ich noch nicht. Ich kenne Singapur, Peking, Tokyo, Phnom Penh, Hanoi und Saigon, aber für Shanghai gilt: Mein erstes Mal.

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Sogar ich war hier beeindruckt. Am abendlichen BUND in Shanghai. Dort wo Jahrhundertelang die Handelschiffe angelegt haben.

Und obwohl ich als Reisebloggerin gefühlt „eh dauernd unterwegs“ bin, ist so ein kurzer Stopover für mich auch nach fast 12 Jahren des Purserbraut-Daseins immer noch etwas Besonderes. Ich kann meinen Mann in seiner Arbeitsumgebung begleiten und beobachten. Ich lerne, wie er mit schwierigen Passagieren umgeht und denke mir jedes Mal: Ich hätte es ganz shanghai_china_oktober2016_web-19-von-151anders gemacht, aber er hat das Problem soviel besser gelöst. Wie unglaublich anstrengend muss dieser Job nach 27 Jahren sein. Wie professionell und leicht aber wirkt die Arbeit bei ihm. Wie gut kann er sich – zumindest bei der Arbeit 🙂 schnell regenerieren und ist immer noch interessiert an Neuem. Wie gut kann er mit seinen KollegInnen umgehen. Auch wenn er zum 300. Mal nach Bangkok oder Tokyo fliegt, er ist routiniert aber lässt keine langweilige Routine aufkommen. Natürlich weiß ich, dass nicht jeder Stopover so ausgefüllt ist wie dieser hier gemeinsam in Shanghai, aber auch das tut uns gut: Hundefreie Zone, nur zu zweit in einer ungewohnten Umgebung. Ja, manchmal muss man dafür bis nach Shanghai reisen. Deswegen und aus vielen anderen Gründen reise ich immer noch so gerne mit.shanghai_china_oktober2016_web-74-von-151 shanghai_china_oktober2016_web-109-von-151 shanghai_china_oktober2016_web-113-von-151

In 48 Stunden kann man nämlich zudem unglaublich viel erleben, lernen, sehen und ausprobieren. Menschen, die ihr Leben daheim eher gemächlich angehen, für die ein Trip nach Krems eine kleine Weltreise und ein Theaterabend in Wien bereits ein Ding der Unmöglichkeit darstellt, die hauptsächlich Angst davor haben, dass ihnen mausarme Flüchtlinge ihren ersessenen (und nicht erworbenen) Wohlstand wegnehmen und die um ihre Geldflüsse fürs Nichtstun bangen, haben naturgemäß kein Verständnis für solche Ultrakurztrips in böse, fremde ferne Welten. Aber die haben auch kein Verständnis für meinen Job, meine Lebensweise und meine reisetechnischen Vorlieben.

Also was soll´s. Auf nach Shanghai. 48 Stunden sind lang.

Montag in der Früh: Hundespaziergang, nochmal PC hochfahren, die dringendsten Mails  der Kunden bearbeiten und dann satteln wir den Hund: Coffee kommt auf Erholung zu Freundin Vatani nach L.E. und wir fahren zum Airport. Für Andreas ist das ein ganz normaler Arbeitseinsatz, wir sind also schon Stunden vor dem eigentlichen Abflug draußen in Schwechat. Der Flug ist ein wenig verspätet und als wir endlich abheben, bin ich bereits seit 9 Stunden aktiv auf den Beinen. Für Andreas beginnt aber jetzt erst die eigentliche Arbeit: 10 weitere Stunden lang ist er als Purser auf dem Flug nach China verantwortlich für Service, Sicherheit, sein Kabinenbesatzungs-Team und den organisatorischen Ablauf  (und auch den bürokratischen, den man als Fluggast aber nicht sieht).

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Morgens noch mit Coffee hintaus unterwegs, 20 Stunden später beim Bummeln in Shanghai.

Stunden später landen wir in einem grauen Shanghai Morgen mit dicker Smog-Glocke über der Stadt und stauen uns nach den elendslangen Einreiseformalitäten 90 Minuten lang per Bustransfer in die City. Ich fühl mich gerädert, die anderen FlugbegleiterInnen wirken auf mich ziemlich taufrisch. Check-In im Hotel, die Heimflug-Crew checkt gerade aus und hat noch Zeit für ein paar Worte zwischendurch. Andreas ist seit 27 Jahren geeichter Fliegender und gibt das Tempo vor: Ein wenig im Zimmer rasten und dann auf ins Shanghaier-Nachmittagsleben. Die Metro ist nebenan und ab sofort bin ich wieder hochalert: Eine neue Stadt auf meiner Bucketlist, eine neue Metro, neue Umgebung. Ich versuche mir die Exits und Straßenkreuzungen zu merken, bin daneben noch mit Smartphone, Filmen und Stadtplan zugange und laufe Andreas erstmal nach, der sich hier schneller zurechtfindet als in Wien. Er ist auch öfter in China als in der Wiener Innenstadt, sei dazu gesagt.

Erster Eindruck von Shanghai
Erster Eindruck von Shanghai

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Als wir unsere Tour am ersten Nachmittag starten, sind nur noch 40 Stunden Shanghai (inkl. 2 Mal Schlafen) übrig. Wir ordnen unsere Prioritäten und legen einen groben Plan fest.

Tag 1: Hotel, Rasten, Kaffee trinken, Metro fahren zum Hauptbahnhof, Optical City Brillen kaufen und ein bisschen die Shopping-Lage sondieren, eine Nudelsuppe zwischendurch im Foodcourt, mit der Metro zum People Square, Spaziergang auf der East Nanjing Road bis zum Bund, begeisterte Foto- und Filmsession, Bierpause, Metrofahren, Hotel und dann nochmal raus zum Abendessen. Die Nacht darauf ist kurz, denn zumindest ich verbringe ein Drittel davon schlaflos.

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Soviel habe ich schon gesehen auf der Welt, aber der Rundum Blick am Bund Richtung Pudong oder auch Richtung der alten europäischen Handelshäuser und Banken, wo jahrhundertelang gehandelt wurde, Richtung Boote und Menschenmassen – haut sogar mich an diesem Abend um. Es ist ein glasklarer Abend, rundum herrscht Lärm, Gewusel und Selfie-Getümmel und der Blick auf diese chinesische Großstadt ist beeindruckend. Zum ganzen Video geht es hier lang.

Anderntags am Morgen nach dem dekadenten Hotelfrühstück: Wir haben noch 18 Stunden. Das Wetter ist übersichtlich, deswegen verschieben wir die Sightseeingtour auf den Nachmittag und erledigen weitere Einkäufe: Diesmal am Underground Market beim Science Center. Dank Andreas´ jahrzehntelanger Erfahrung auf asiatischen Märkten sind wir flott unterwegs, beim Entscheiden, beim Handeln und beim Zahlen.

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Mit diesem Blick aus dem Hotelzimmer begrüßt uns das morgendliche Shanghai an Tag 2.
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Heute sieht der Bund schon ganz anders aus.

Danach entladen wir im Hotel und schon gehts wieder los: Mit dem Hop On Hop Off Bus eine Runde durch die Stadt – inzwischen schüttet es quer und der Charme von Shanghai bleibt uns weiter verborgen. Wir hoppen spontan off beim YuYuan Garden und Temple, lassen uns auf der Zickzack-Brücke einmal vollkommen durchregnen, stehen vergeblich für DimSum an und machen dann eine winzige Pause im Teahouse.

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Ein paar schnelle chinesische Snacks auf der Straße, eine Metro Fahrt in der Shanghaier Stoßzeit und der Abend wird mit einem Hot Pot beschlossen: Ein Restaurant voller begeisterter Chinesen, die sich um ihre Tische mit riesigen Töpfen heißer Chili-Suppe scharen und mehr oder weniger erkenntliche Nahrungsmittel darin versenken um sie dann mit selbst gemixter Soße lautstark zu verzehren. Überflüssig zu sagen, dass hier keiner vom Service auch nur annähernd einen englischen Satz sagen konnte: Danke, Google Translator. shanghai_china_oktober2016_web-125-von-151shanghai_china_oktober2016_web-101-von-151 shanghai_china_oktober2016_web-102-von-151

Für mich persönlich war dann der Tag vorbei, aber da Andreas ja geeicht und hart im Nehmen ist, ließ er sich zu abendlicher Stunde auch noch eine Frisur à la „Mr. Südkorea 2016“ verpassen und wäre auch einer Fußmassage nicht abgeneigt gewesen. Wir trafen uns dann im Hotel wieder.

Ökopolitisch mehr als verwerflich, dekadent bis dort hinaus und vom Naturschutz-Standpunkt natürlich vollkommen zu verdammen – ist objektiv gesehen so ein Kurztrip nach China. Mein ökologischer Fußabdruck ist riesig und neverever gut zu machen. Die Hälfte der Zeit gehe ich dort shoppen und essen, kann kein Chinesisch und erwarte mir sogar noch, englisch angesprochen zu werden. Ich frühstücke im Viersternhaus, fliege günstig standby und gehe dann feilschend Elektronik-Klumpert und andere Nichtigkeiten einkaufen. Ich zahle in Shanghai für eine Brille mit 8.5 Dioptrien 70 Euro und halte sie zufrieden in 30 Minuten in Händen, während ich Wien das Zehnfache hinblättere und 10 Tage drauf warte (und dafür viermal hin und herfahre). Daheim wiederum trennen und vermeiden wir Müll, kaufen keine Plastiksackerln und vermeiden Produkte, die an Tieren getestet wurden. Wie passt das zusammen? Gar nicht. So wie nichts momentan in dieser Welt: Nicht in der heimischen und internationalen Politik, nicht in der uns verbliebenen Natur und Tierwelt. Ich stelle auch nicht den Anspruch, in 2 Tagen Shanghai perfekt kennen zu lernen, chinesische Freunde zu finden und ins authente Alltagsleben einer fremden Kultur einzutauchen. Es hat also keinen Nutzen, wenn ich so vermeintlich sinnlos in der Weltgeschichte herumfliege. Aber ich tu auch niemandem weh damit.

Denn – kleiner Gedankensprung: Wie nutzlos für sich selbst und die Gesellschaft ist es, jahrzehntelang seinen Körper mit Nikotin vollzustopfen und dafür noch freiwillig zu zahlen? Ungeborene Kinder zu Rauchern und Trinkern zu machen? Tiere zu quälen für vermeintliche Vorteile für die Schönheit oder nur zum Spaß? Freiwillig in Luxusländern wie Österreich auf die hiesige Gratis-Bildung zu verzichten und seine Zeit mit Fremdenhass zu verbringen? Hm, bringt ja eigentlich auch niemandem was. Drum lasst mich meine Reisen machen.

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Denn nichts wird besser in Asien, wenn ich dort die allgegenwärtigen Plastiksackerln ablehne oder wenn mein Standby-Platz am Flieger von jemand anderem eingenommen wird. Das kommunistische Regime wird sich nicht ändern, weil ich chinesisch spreche und vorort den Marktstandlern nichts abkaufe. Es ändert sich aber auch nichts, wenn wir alle immer nur „zu Hause“ bleiben, denn (auch) Reisen bildet. Immer schon.  Nicht umsonst hat mein Freund Humboldt so richtig gesagt: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.“ Und wer jetzt sagt: „ICH kann es mir nicht leisten, so in der Welt herumzukutschieren“, dem sei gesagt: Auch ein Sonntagsausflug erweitert den Horizont. Übrigens auch Lesen. 

ICH ändere mich mit jeder Reise. Ich lerne auch mit 45 Jahren täglich was dazu, während andere mit 14 mit dem Denken und Lernen aufgehört haben. Mir hilft dabei das Reisen, das Lesen, das Erleben fremder Welten, schlichtweg meine Bildung. Bildung ist der Schlüssel. Aber jetzt bin ich eigentlich bei einem ganz anderen Thema….

Wer jetzt doch noch – trotz aller zur Schau gestellter Dekadenz – mein Video von Shanghai sehen will – hier lang!

Das gibt Kraft.

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