Marionettentheater Salzburg: Lassen wir die Puppen casten!

Die Salzburger Marionetten sind weltberühmt und gehen gar auf Tournee. Das Kreuz, an dem sie zum Leben erwachen sowie die hochdiffizile Spielweise an den Fäden – das ist immaterielles UNESCO Weltkulturerbe. Aber trotz dieser Einzigartigkeit kämpfen auch sie um ihr finanzielles Überleben.

Marionetten Salzburg
Alle warten auf den Einsatz in der Puppenkammer: Die Marionetten aus Salzburg

Das Salzburger Marionettentheater: LIVE bei der Mozartwoche 2019 

(Pressereise)

Als ich während der Mozartwoche 2019 jüngst zum ersten Mal im Leben (Oh, Schreck) im Salzburger Marionettentheater ausharre und noch nicht weiß, was mich erwartet,  sitzen hinter mir Intendant Rolando Villazón nebst Frau, vor mir lauscht Burgschauspieler Branko Samarovski. Ich bin also in elitärer Gesellschaft bei meinem Erstbesuch. Zu Recht elitär, denn das Salzburger Marionettentheater ist ganz etwas Besonderes. Das merke ich aber erst während der Vorführung und danach bei einem Blick hinter die Kulissen, als die Chefin frei und frank erzählt, mit welchen finanziellen Problemen das einzigartige Theater zu kämpfen hat. Obwohl es ausgezeichnet ist und in der Liste des immateriellen Kulturerbes der Welt aufscheint.

Zu Besuch in der Puppenkammer

Im Dezember 2018 mussten die 14 hochausgebildeten Puppenspieler gekündigt werden – aber im Jänner 2019, zwei Tage vor der Eröffnung der Mozartwoche, 2019 berichteten die Salzburger Nachrichten: „Salzburger Marionettentheater gerettet!“ Jedoch: Bis Ende des Jahres muss ein Konzept und sichtbarer Erfolg her. Eine funktionierende Website würde dabei auch nicht schaden…

Die Marionetten warten auf ihren Auftritt bei „Bastien und Bastienne“

Und heute sitzen wir hier im Rahmen der Mozartwoche und dürfen doch wieder staunen: Über die Puppen, das Ambiente, Mozarts Musik und die Kunstfertigkeit der Puppenspieler. Bei der nachfolgenden Premierenfeier bedankt sich die Chefin Barbara Heuberger hochemotiona bei ihren Puppenspielern, dass sie ausgehalten haben und den internationalen Sängern für ihre professionelle Arbeitsweise mit den Marionetten.

marionette dracula
Dracula, Tanz der Vampire Krolock oder?

Wo ist das Salzburger Marionettentheater?

Zunächst staune ich, dass ich das Salzburger Marionettentheater in den letzten Jahrzehnten beim meinen zahlreichen City Walks in Salzburg nie wissentlich gesehen habe. Es liegt zwischen Landestheater und Mozarteum und das Haus war ab 1897 das Hotel Mirabell. Heute ist der Spielraum im ehemaligen Speisesaal befindlich – üppig mit Stuck an den Decken barock verziert, ebenso im Foyer. Letztere Deko wurde aber (so ähnlich wie im Hotel Stein) erst im Zuge der Restaurierung wieder ausgebuddelt – sie war zuvor unter einer schmucklosen Gipsdecke verscharrt.

STUCKDECKE FOYER mARIONETTEN
Das Foyer mit der Stuckdecke

Deswegen sitzen wir heute, wenn wir im Salzburger Marionettentheater sitzen, in einem prächtig renovierten, üppig barock anmutenden Saal, in dem man eigentlich ein Kammerkonzert erwarten könnte. Tatsächlich aber warten wir auf ein weltberühmtes Marionettentheater. Mein Wissensstand um Marionettentheater beginnt und endet auch gleich wieder mit der Story rund um das Wiener Urania Puppentheater, das jüngst von André Heller übernommen wurde und nun weiteren glanzvollen Zeiten mit und für Wiener Innenstadt-Kids (und deren Eltern, die manchmal deutlich empathischer für das Schauspiel sind als der Nachwuchs) entgegen sehen soll.

Die Decke im ehemaligen Speisesaal
Salzburger Marionettentheater damals

„Bastien und Bastienne“ meet The Schauspieldirektor – Mozartwoche 2019

Vorhang auf: Ich staune weiters nicht schlecht, als die Püppchen hölzern nackt, gesichtslos und ganz ohne die vielzitierten üppigen Kostüme nur mit Nummern auf der Brust versehen, die Bühne bevölkern und offenbar eine unübersehbare Nervosität an den Tag legen. Nervöse Puppen, obwohl sie nicht sprechen und schon gar nicht singen? Das eben ist das Kunstwerk, dass mich bass gaffen lässt: Die Marionetten müssen sich hier erst einem Casting stellen, bevor sie in „Bastien und Bastienne“ mitwirken dürfen. Und allein durch ihre stumme Körpersprache beginnen die Puppen zu leben: Sie interagieren sprachlos, aber mit vollem Körpereinsatz auf ihren Schauspieldirektor (Zur Mozartwoche 2019 sehr überzeugend Stefan Wilkenig), der die undankbare Aufgabe hat, die hysterischen SchauspielerInnen an den langen Fäden – zu casten. Ja genau.

Castingtime

„One singular sensation, every little step she takes…“ Der erste Satz des Songs „One“ des Musicals „A Chorus Line“ … Genau so geht es hier gerade zu im Marionettentheater Salzburg.

Übersehen hatte ich es nicht, dass am Ticket neben „Bastien und Bastienne“ auch „Der Schauspieldirektor“ stand, aber gesagt hat es mir nichts. Ich dachte an jeweils ein Stück vor und eines nach der Pause. Jedoch: Es gibt keine Pause. Die beiden Mozart Stücke werden ineinander verwoben aufgeführt und das bei Live Musik, was heute und hier etwas ganz Besonderes ist. Das erfahre ich aber erst später – normalerweise kommt die Musik hier vom Band.

Der Puppenspieler Blick hinab auf die Bühne

Heute aber sitzt hier vorne das Orchester Wiener Akademie unter der Leitung von Jory Vinikour, es singen u.a. die amerikanische Sopranistin Laura Aikin und die Deutsche Mocja Erdmann – aber nur, weil die Puppen sich ihre Stimmen aussuchen dürfen – nach dem Casting wird auch die Hinterbühne plötzlich transparent – man sieht hinter die Kulissen des Castings, das Geschehen hat plötzlich noch eine weitere, dritte Ebene.

foto sängerin
Foto: Adrienne Meister

„Sie müssen nicht zittern, Nummer 10. Es gibt keinen Grund zu zittern!“ Stefan Wilkenig gibt den gestressten und überforderten Schauspieldirektor fast direkt aus dem Publikum heraus. Er lässt die ganze Riege der Holzpuppen antreten – zu eben diesem Casting für „Bastien und Bastienne“. Erst geht es durch die Auswahl der Bewerber, erst dann kann die Probe zu Mozarts Singspiel starten. Die Stimmung unter den Marionetten wird zusehends gereizter – obwohl sie nicht sprechen können – aber jeder im Publikum erkennt sehr genau, was das auf der Bühne unter den Protagonisten abgeht, wie im echten Leben.

Foto: Mozartwoche 2019, Adrienne Meister

 

Die Puppen zeigen sich plötzlich eifersüchtig, neidig, ängstlich, überdreht, hysterisch, durcheinander und überspannt – nur durch die Art wie sie sich bewegen, die Bühne betreten und wieder abgehen.

Die komplexe Casting-Aufgabe des Herrn Direktors: „Schmachten Sie!“ – gesagt, getan. 10 Marionetten an ihren Fäden, ohne Gesicht, ohne Stimme und ohne Kostüm schmachten einen Stuhl an, nur durch Körpersprache – Puppenspielerkunst par excellence.

Ich klappe meinen Mund wieder zu. Wahnsinn, wie die Puppenspieler hier die Puppen tanzen lassen – beim Casting.

Nummer 3 tritt gegen Nummer 7 an für die Hauptrolle der Bastienne. Während die eine performed, zickt die andere rum, langweilt sich betont oder gibt vor, während der Probe der anderen gar einzuschlafen.  Irgendwann kommen die menschlichen Künstler dazu, sie dürfen den Puppen aber nur die Stimme leihen. Puppe und Mensch sprechen sich kurz ab, dann wird gesungen. Jetzt wird „Bastien und Bastienne“ erst wirklich aufgeführt – mit echten Stimmen, echten Puppen, echten Musikern. Gegen Ende klettern die Puppen immer wieder eifersüchtig auf ihren Sänger, allein die Körperhaltung der Marionetten dabei sagt mehr als 1000 gesprochen oder gesungene Worte.

Die Scheinwerfer sind auf die Marionetten gerichtet
Und… Action, bitte!

Diese Spieltechnik ist immaterielles Weltkulturerbe. Der Puppenspieler Künstler.

Die Art und Weise, wie der Puppenspieler mit seinem Spielkreuz hier in Salzburg in die Fäden der Marionette greift, sie zum Leben, Tanzen und Spielen bringt, sodass wir draußen vergessen, dass wir ein Püppchen anstarren – diese Spieltechnik wurde von der UNESCO 2016 in die Liste der immateriellen  Kulturerbegüter aufgenommen. In Österreich gehört zu dieser Liste übrigens u.a. das Handwerk des Blaudrucks, das Tschauner Stegreifspiel (naja), der Wiener Walzer, der Montafoner Dialekt, der Ausseer Fasching (das war klar) und die Passionsspiele Erl. Die Wiener Kaffeehauskultur übrigens gehört ebenfalls dazu wie das umstrittene Scheibenschlagen in Vorarlberg und das Lied „Stille Nacht“.

Das Holzkreuz der Puppenspieler
Fäden und Holzkreuze

Wer hier beim Salzburger Marionettentheater Puppenspieler ist, ist dem Genre mit Haut und Haaren verfallen, hat lange auf diese Ausbildung gewartet und gibt hier jeden Theaterabend mit vollem Körpereinsatz sein Bestes, um die Marionetten zu den eigentlichen Hauptdarstellern zu machen. Die Ausbildungsplätze sind international heiß begehrt, die Ausbildung hart und lang und die Arbeit, pardon Kunst, ist Kräfte raubend. Nicht jeder hält durch, manch einer muss das Puppenspielerkreuz an den Nagel hängen, weil der Rücken nicht mehr mitmacht.

Der Puppenspieler bei der Arbeit

Puppenspieler sind allesamt Künstler – das allerdings weiß ich spätestens seit meiner Begeisterung für den admirablen Nikolaus Habjan. Der wurde auch hier im Salzburger Marionettentheater mit dem Virus infiziert, seit er 1991 ebenda eine Aufführung der „Zauberflöte“ gesehen hatte. Seine Inszenierung und Aufführung des „Zawrel“ mit Puppe ist eines der beindruckendsten Stücke, das ich in über 30 Jahren Theater erlebt habe.

Puppentheater bietet die Möglichkeit, neue Wege des Theatermachens zu beschreiten, nach denen in letzter Zeit immer krampfhafter gesucht wird. Das Spektrum der Ausdrucksmittel steigt ohne komplizierte Bühnentechnik. Durch das Einsetzen von Puppen ist es möglich, etwas darzustellen, was Schauspielern alleine nicht möglich ist, oder Mögliches zu intensivieren und stilisieren.

… Eine Puppe kann verfremdet, surreal oder nur ein einziger Ausdruck sein, richtig gespielt, wird sie immer absolut, das heißt echt, glaubwürdig und wahrhaftig sein.

(Nikolaus Habjan, Quelle: www.nikolaushabjan.com)

Die Story hinter Anton Aicher und seinen Marionetten

Im Foyer des Marionettentheaters in Salzburg kann man sich an den Wänden in Wort und Bild informieren, was bei den Marionetten und ihrem Erdenker und Erbauer Anton Aicher in den letzten 100 Jahren so los war. Die Tourneen der Puppen in alle Welt und auch Opernsänger, Burgschauspieler und Jedermänner waren mit den Marionetten zugange. Die haben echt ein Netzwerk!

Aus welcher Oper komme ich?

Es sind Bildhauer, die die Puppen entwerfen und schnitzen und auch der Gründer, Anton Aicher, war Bildhauer, als er 1913 zum ersten Mal mit seinem Marionettentheater und eben „Bastien und Bastienne“ in Salzburg auftrat. In der Zwischenkriegszeit hat man erstmals mit finanziellen Problemen zu kämpfen: Schließlich bezahlt man nicht nur Haus und Puppenspieler, sondern auch Techniker, Sprecher, Sänger, Musiker und Dirigenten – damals ist natürlich alles immer live. Im zweiten Weltkrieg reisten die Marionetten als Fronttheater zu den Soldaten in ganz Europa, nach dem Krieg spielt man für die amerikanischen Befreier in Salzburg und Wien. Es folgen erfolgreiche Märchenfarbfilme, eine Fünf Jahres Tournee in die USA, Ballett-Aufführungen (!) und Auftritte in Südafrika und Australien sowie Hongkong. In den 1990er Jahren gar nach Japan, Argentinien und Taiwan, Libanon und USA.

Feschak

Berühmt wird die Aufführung von „Peter und der Wolf“ mit Tobias Moretti als Erzähler – in der Festung Hohensalzburg eröffnet das Marionettenmuseum ebenfalls 1998. In der jüngsten Zeit war das Ensemble unterwegs in Bahrein, Abu Dhabi, im Oman – sogar in NYC mit einer RING-Inszenierung. Diese Puppen können wirklich alles.

Die Chefin führt uns persönlich, obwohl sie eigentlich zur Premierenfeier will, hinter die Kulissen des Salzburger Marionettentheaters. Ich treffe die nackten Castingmarionetten mit ihren Nummern, den kleinen schwarzen Hund von Bastienne und auch Peter und den Wolf wieder. Dort, wo „Aufgang nur für Puppenspieler“ steht, stehe ich wenig später oben und sehe hinab auf den Arbeitsbereich der Hinterbühne.

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In der Puppenkammer lagern die Schätze – alle hängen sie dort an langen Schnüren ab und warten auf ihren Auftritt oder sind bereits in Pension gegangen. Wir treffen die russische Meistertänzerin Anna Pavlova, die Maria von „Sound of Music“, Figuren aus dem Sommernachtstraum, Peter und den Wolf, viele Tiere, Tänzerinnen und Protagonisten aus der Zauberflöte. Und wer hängt da verschreckt unter der Decke von der Decke – das Gesicht kenn ich doch, und erst den gelben Schal… Ihr auch?

                    

HINWEIS: Ich durfte das Marionettentheater im Rahmen einer Pressereise mit Salzburger Land Tourismus und Tourismus Salzburg während der Mozartwoche 2019 besuchen. Meine währenddessen gewonnen, persönlichen Eindrücke wurden in diesem Artikel verarbeitet.

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