„Glück auf!“ im Bademantel – Der Gasteiner Heilstollen

Punkt 7:50 morgens in Böckstein bei Bad Gastein: Zwei verdammt gut gelaunte Lokführer in der Badehose, die eigentlich Bergleute sind. Um die 100 PatientInnen in blauen Bademänteln. Eine kleine Stollenbahn und viele orangefarbene Schwitztücher. „Glück Auf!“ in Schlapfen. Wir fassen Liegetücher aus. Und fahren ein. In den Gasteiner Heilstollen. Über 100 Patienten und ich mitten drin.

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Jeden zweiten Tag werde ich im Laufe meiner Kur von meinem Hotel in Bad Hofgastein früh morgens zum Gasteiner Heilstollen gebracht, einem kürzlich renovierten und modernen, nach Feng Shui Prinzipien ausgestatteten Haus direkt am Gasteiner Radhausberg. Mit einem kleinen Bähnlein fahren wir – in Badegewand, Schlapfen und Bademantel – mit reichlich Schwitztüchern ausgestattet – in den Paselstollen ein, begleitet von den Lokführern, sowie einem Notfallsanitäter oder Arzt.

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Eigentlich wurde hier vor über 60 Jahren nach Gold gebuddelt – bis die Bergarbeiter aber trotz der schweren Arbeit merkten, dass ihre Rheumaschübe deutlich zurückgingen. Warum? Hitze, Feuchtigkeit und – Radon! Radon ist ein Edelgas und wird während der verordneten Einfahrten über Lunge und Haut auch in meinen Körper gelangen – nach etwa 6-8 Wochen soll ich eine Erleichterung bei meinen Schmerzen erfahren.

Aber wie schauen die Einfahrten in den Gasteiner Heilstollen in der Praxis aus?

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Zwei Kilometer fahre ich in den Stollen ein, ab der sogenannten „Bademantelstation“ (Ausziehen! – Ab jetzt wirds Dampfbad-heiß) erfolgt endlich meine Lieblingsdurchsage:

„Bitte beachten Sie das Ruhegebot. Das Sprechen einstellen!“

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Ein wahres Wort.

Das Ruhegebot. Was für eine Wohltat – denn ungeachtet der frühen Tageszeit, der Schmerzen der Patienten und der Tatsache, dass wir hier im Bademantel in einen engen, dunklen Bergwerksstollen einfahren – sind zahlreiche Kurgäste bereits ungefragt mitteilungsbedürftig, was sich bevorzugt laut polternd, lachend und bereits frühmorgens in Bierzeltstimmung äußert und inhaltlich meist auf das Thema „Alkoholgenuss des Vorabends“ hinausläuft. Bei 8 von 9 Einfahrten gerate ich an Mitreisende, die jetzt in der Stollenbahn unbedingt reden wollen. Möglichst laut. Oder sich reden hören wollen. 

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Aber auch diese Patienten müssen sich dann endlich an das Ruhegebot halten. Was für eine Wohltat. Bei meiner ersten Einfahrt bin ich herzlich froh, dass ich mich nur auf mich und meine Atmung konzentrieren muss und wenigstens im Heilstollen keinen vermeintlich witzigen lautstarken Unterhaltungen folgen muss. Denn mir ist – schon bei der Einfahrt – verdammt heiß. In Dubai und im Tropischen Norden Australiens war es ähnlich heiß – aber dort befand ich mich auch nicht in einem dunklen, engen Bergstollen…

Auf 5 verschiedene Ruhe-Stationen mitten im Berg werden wir Patienten aufgeteilt. Die Liegestation haben wir beim CheckIn am PC selbst ausgewählt – Meine Station ist und bleibt 1a – mehr Hitze brauche ich hier drinnen nicht – in Bali, Florida, Vietnam oder Dubai am Palmen-Pool wäre das natürlich was anderes….

Jedesmal hält das Bähnlein kurz an und wir schlurfen gespenstisch schweigend im Dunkeln (Stille!) entlang der Felswände zu unseren Liegebetten in den Stollennischen.

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An den Felswänden befinden sich Notfallknöpfe und kleine Notlampen, ab jetzt soll ich versuchen, mich bestmöglich zu entspannen. Beim ersten Mal bin ich mir nicht sicher, ob für mich im Stollen genügend Atem-Luft für die vorgeschriebene Ruhezeit (bis zu 1 Stunde) vorhanden ist. Aber es geht sich jedes Mal aus. Wir entledigen uns des bereits jetzt nassen Bademantels und der Badesachen und okkupieren schweigend und rasch unsere überraschend bequemen Liegebetten ganz nah an der Felswand.

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1 Stunde im Fels schwitzen: So muss Heilstollen.

Ruhen, Rasten, Schwitzen – wer kann: Schlafen. Ich kann natürlich nicht. Wie auch. Ich konzentriere mich aufs Atmen, aufs Schwitzen bei 39 Grad und 80% Luftfeuchtigkeit und frage mich, wie die älteren PatientInnen (die sommers bei drei Tagen über 30 Grad im Freien naturgemäß bereits über die Hitze zu keppeln beginnen) hier ihre Einfahrten überstehen. Ich tropfe. Ich schwitze. Ich denke und formuliere Texte. Mir fallen witzige Formulierungen ein, die, als ich im Kurhotel wieder am PC sitze, wie ausgelöscht sind. Ich habe kein Kopfweh, keine Migräne, die Dunkelheit ist angenehm, die Liege bequem.

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Ausblick während des Schwitzens auf die Decke des Felsstollens

Nach etwa 25 Minuten macht der begleitende Sanitäter oder Arzt eine Kontrollrunde. Mit einer Draisine fährt er (immer noch in Badegewand…) die Ruhestationen im Berg an, geht die Betten ab, spricht jeden einzelnen Patienten an und fragt jeden nach dem Wohlbefinden. Dann ist die Zeit gekommen für die Half-Time Durchsage: „Liebe Patienten, wenn Sie später den Zug wieder anfahren hören, haben Sie noch 6 Minuten Zeit. Richten Sie sich langsam auf und gewöhnen Sie sich wieder ans Sitzen. Wenn der Zug zum Stillstand gekommen ist, steigen Sie bitte rasch ein“.

25 plus 4 Minuten später poltert mein Herz wie verrückt, meine Haare und mein Körper sind klatschnass, ich wickle mich in mein durchnässtes Liegetuch und nehme den Bademantel auf den Arm. Überall rund um mich richten sich die Damen auf ihren Betten auf (hier drinnen herrscht Geschlechterteilung), trinken aus den mitgebrachten Wasserflaschen, trocknen sich ab und gewöhnen sich wieder ans Aufrecht Sitzen. Immer noch in dankenswerter Stille.

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Vorher – nachher 🙂

In meinen ebenfalls nassen Badeschlapfen watschle ich dann quatschend und quietschend über die Gleise im Dunklen den anderen PatientInnen wieder nach zum Bahnsteig. Jetzt schwitzt auch die Bahn – die Fenster sind angelaufen – nach jeder Einfahrt wird der Zug von flinken Mitarbeiterhänden desinfiziert werden. Die Lokführer rufen zwei Mal „ABFAHRT!“ und es geht wieder raus aus dem Stollen.

Wir sitzen zu viert im Abteil, manche schnaufen und atmen schwer, manchen ist die feuchte anstrengende Hitze kaum anzusehen und ich persönlich will nach meiner ersten Einfahrt nur eins: Raus an die Frischluft. Sobald wir am Rückweg wieder die „Bademantelstation“ passiert haben (Abtrocknen und Bademantel anziehen!) weht ein frisches Lüftchen durch den Zug – links und rechts ist der Fels so nahe, dass ich ihn berühren könnte. Durchatmen! Fast unmittelbar sofort geht das Getratsche wieder los – manche Patienten scheinen mit der verordneten Sprechpause und der Stille nicht wirklich zurecht zu kommen.

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Wir sind wieder im Bahnhof angekommen. Die „Heilige Barbara“ begrüßt uns in der Nische, die nassen Liegetücher werden eingesammelt und ich steigen die anstrengendsten zwei Stockwerke meines Lebens hinan zu den Ruheräumen. Denn genauso wichtig wie das Schwitzen im Stollen ist das Ruhen danach. Wie in Mann´s „Zauberberg“ erwarten uns kleine (in beruhigenden kühlen Grün- und Blautönen gehaltenen) Ruheräume mit aufgebetteten Liegen und Decken –  mit Musik und Blick in die Bergwelt. Das Radon wird immer noch vom Körper aufgenommen, deswegen sollen wir auch mit dem Duschen noch warten.

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Hier startet jede Stollen Einfahrt.

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Sobald ich vor den Stollen wieder in die glitzernde Bergwelt trete, fühle ich mich allerdings wie neu geboren. Zum Rasten bin ich zu ungeduldig, zum Ruhen zu aufgedreht und im netten Heilstollen-Café wartet mein Zitronenwasser (auf andere bereits das erste Bier). Wie hatte mein Gegenüber im Zug ungefragt zu mir gesagt: „Deine erste Einfahrt? Achso. Aber es wird besser!“ – und so ist es denn auch.

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INFO: 9 Einfahrten in den Gasteiner Heilstollen darf ich laut meiner Krankenkasse absolvieren, weil ich an Morbus Bechterew leide, einer entzündlichen Wirbelsäulenerkrankung. Der Gasteiner Heilstollen bietet eine weltweit einzigartige Kombination an Wirkung: Tief unten brodelt das heiße Gasteiner Thermalwasser mit bis zu 60 Grad, der heiße Dampf steigt auf und gemeinsam mit der Radonstrahlung im Fels werden hier im Stollen meine Selbstheilungskräfte und meine Immunabwehrkräfte aktiviert, um den Entzündungen entgegen zu wirken. Das klingt zunächst ein wenig esoterisch, ist aber ein wissenschaftlich belegte Therapie zur Behandlung von u.a. Bechterew, Rheumatoider Arthritis, Fibromyalgie, COPD, Allergien und Psoriasis.

Sämtliche „einfahrenden“ Mitarbeiter sind für medizinische Notfälle ausgebildet – eine eigene Klimakammer für etwaige Notfälle ist in einem eigenen Stollen vorhanden, ebenso Defis. Bei jeder Einfahrt wurden wir von Notfallsanitäter/In oder ÄrztIn begleitet. Im Notfall kann auch eine zweite Lok in den Stollen einfahren, während er Zug drinnen auf die PatientInnen wartet.

Mehr zu meiner #live KurErfahrung im Gasteinerland und meinem kreativ kulinarischen Kurhotel – oder einen Blick auf den Großglockner werfen?


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HINWEIS: Dieser Bericht gibt meine ganz persönlichen Eindrücke während der Einfahrten in den Gasteiner Heilstollen wieder. Ich bedanke mich beim Marketing Team des Gasteiner Heilstollens, das in einem sehr freundlichen Gespräch meine Fragen beantwortet und mich mit umfangreichem Infomaterial ausgestattet hat. Für Interessierte gibt es „KennenLernEinfahrten“ – empfehlenswert! Direkt im Heilstollen Gebäude können übrigens auch Therapien/Behandlungen/Untersuchungen gebucht werden!

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Gymnastikraum im Therapiegebäude des Gasteiner Heilstollens

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