Ausgerechnet Helgoland! Der Felsen mitten in der Nordsee.

Deutschlands einzige Hochseeinsel: Ein roter Felsen mitten in der Nordsee, 70 Kilometer vom Festland entfernt. Nur der Leuchtturm im Oberland überstand den Krieg dieser „Inselfestung“. Warum also ausgerechnet Helgoland?

Zugegeben, es ist nicht gerade ein Katzensprung von Wien nach Helgoland. Zuerst fliege ich nach Hamburg, dann fahre ich mit dem Mietwagen weiter an die Nordseeküste nach Büsum und von dort geht´s mit der „Funny Girl“ und den berühmten „Börtebooten“ rüber nach Helgoland.

Das Umsteigen vom Schiff auf die schaukelnden, kleinen Boote, die die Besucher an Land bringen (während das Schiff draußen im Hafen „auf Reede liegt“) gehört zu einem Helgoland Besuch seit Jahr und Tag dazu. Mit Sack und Pack, Koffern, Hunden und Gehhilfen werden die Gäste vom Schiff in die wackligen Boote (10 Meter lang, Platz für 50 PAX) verfrachtet, manch einer muss beim Anlanden am Boot auch stehen bleiben – eingekeilt zwischen Gepäck und den rundum zusammen gequetscht sitzenden Beifahrern.

 

Foto: Ottmar Heinze

 

So will es die liebe Tradition, doch das „Ausbooten“ ist immer wieder in Diskussion: Ist das noch zeitgemäß und sicher? Werden in Zukunft alle Schiffe und Fähren direkt am Kai anlegen? Also ich war noch dabei – beim Ausbooten.

Helgoland wird aber von diversen Häfen aus angelaufen, darunter Hamburg und Cuxhaven, die von der funkelnagelneuen Fähre des Halunder Jet (3 Klassen!) bedient werden. Hier entfällt ein Ausbooten völlig.

Wo bin ich denn da gelandet? Helgoland!

„Helgoland – Die Insel, die atmet“, so der Slogan.

Ich bin gelandet: Auf einem roten Felsen mitten in der Nordsee, der einzigen Hochseeinsel Deutschlands. Für mich: Mitten im Nirgendwo auf einem 1km² großen Stein, wo es bei meiner Ankunft vor allem eines ist: Windig und kalt.

Was ich bis dahin über Helgoland wusste? Nichts. Was Helgoland auch mit Österreich und der Monarchie zu tun hat? Einiges. 

Nicht zuletzt, weil „der Felsen“ so einiges durchgemacht hat, bevor er zu dem wurde, was er heute ist: Eine zollfreie Ausflugsinsel, die sich bei Tagesgästen großer Beliebtheit erfreut und auf deren eigener Düneninsel sich meist friedlich nebeneinander Badegäste, Naturliebhaber, Kegelrobben und Seehunde wiederfinden. Aber zunächst: Helgoland ist sehr speziell – diese Insel kann man sich an einem Tag nicht wirklich erarbeiten.

Nur dieser Leuchtturm überstand die Bombardements.

Eine Insel, die einst beliebter Luftkurort für die bessere, damit auch jüdische Gesellschaft war – auch für die aus Wien. Eine Insel, die im ersten Weltkrieg U-Boothafen war – auch für „unsere“ k.u.k. Unterseeboote. Hier waren Heinrich Heine („Helgoländer Briefe“) und Franz Kafka nebst Onkel (als Maturareise), Kleist und Hebbel („Die letzten fünf Tage war ich, wo mich Niemand suchte, nämlich auf Helgoland.“) zu Besuch.

Hier entstand auch der Text von Fallerslebens „Das Lied der Deutschen“, dessen Melodie die Haydn´sche österreichische Kaiserhymne ist. Hier heiratete Strindberg sein Wiener Mädel Frida und es urlaubten hier Alfred Döblin, Bert Brecht und Ernst Jünger, sowie der unvermeidliche Hans Albers (where else 🙂

Und Anton Bruckner? Er komponierte 1893 seine berühmte Helgoland Sinfonie, lange nach seiner Zeit als Organist im Stift St. Florian (man erinnert sich: Ich spielte auf seiner Brucknerorgel).

Büste im Wiener Burgtheater: Josef Kainz

Ebenfalls hier zugange: Franz Liszt, Vater von Cosima Wagner, mit deren erstem Ehemann Hans von Bülow. Das Wiener k.u.k. Hoftheater spielt hier dank der Hof-Schauspielerin Auguste Rudloff gar Sommertheater, lange bevor es die Festspiele Reichenau als Sommerbeschäftigung der Burgschauspieler gab… Der umschwärmte Schauspieler Josef Kainz und die Opernsängerin Lotte Lehmann hatten Gastauftritte im Helgoländer Theater.

Ab 1933 wird die Insel jedoch als „Judeninsel“ verleumdet und die Besucherzahlen brechen ein. Berühmter Inselsohn ist auch der Autor James Krüss, der über seinen „Timm Thaler“ mit dem verkauften Lachen schrieb oder auch andere Kinderbuch-Bestseller wie „Henriette Bimmelbahn“ und den deutschen Klassiker über einen Hummerfischer „Mein Urgroßvater und ich“. Mein persönlicher Favorit: „Reisepudel Archibald“. Entzückend. Ein kleines Krüss Museum ist in den Hummerbuden des Helgoland Museums beim Kurhotel eingerichtet.

Ausgerechnet Helgoland?

Ich kann mir nicht vorstellen, hier zu leben. Aber ich bin beeindruckt von der Begeisterung, mit der die Helgoländer auf „ihrem Felsen“ leben. Dass hier hauptsächlich Tagesgäste zu fixen Uhrzeiten die Insel überschwemmen und im Bulk wieder abreisen, finde ich als Außenstehende befremdlich. Denn die schöne Nachbar-Düneninsel, die mit einer kurzen Fährfahrt erreichbar ist – ist schon alleine eine ausgiebige Erkundung wert: Hier leben die größten Raubtiere Deutschlands, die Kegelrobben – und auf der anderen Seite der Insel lagern die Kollegen von der Seehund-Fraktion.

Letzte Saison zählte man stolze 426 Kegelrobben-Geburten – sie scheinen sich hier wohl zu fühlen und mit den sommerlichen Badegästen tunlichst arrangiert zu haben. Auf der Düne (Hundeverbot!) hält man mindestens 30 Meter Abstand zu den teils riesigen Tieren – unser Seehundjäger, der eigentlich ein -heger ist, sorgt dafür.

Und immer wieder muss ich an die Fernsehserie „Ausgerechnet Alaska“ denken – ausgerechnet Helgoland! Eine Hochseeinsel mit 260.000 Tagesbesuchern („Butterfahrten“) pro Jahr, mit Fahrrad-Verbot, nur einer Handvoll E-Karren und 3 E-Taxis, Seehunden, Robben, Vögeln und einer eigenen traumhaften Dünen-Insel mit dem obligaten pittoresken Leuchtturm. Keiner, der retourgekommen oder irgendwann mal dageblieben ist, will hier offensichtlich in absehbarer Zeit wieder weg – von „seinem Felsen“ – eine eingeschworene Insel-Gemeinschaft, so scheint es. Für die echte Karriere sowie die höhere schulische oder akademische Ausbildung aber bleibt nichts anderes übrig als eine Übersiedlung aufs Festland.

Die Insel erschließt sich dem Besucher nicht wirklich während eines kurzen Tagesbesuches: Die meisten kommen vormittags mit dem Schiff, gehen mittagessen und zollfrei einkaufen, spazieren eine Runde und fahren am Nachmittag wieder retour. Schade. Nun ist es nicht so, dass Helgoland vor touristischen Sehenswürdigkeiten und Höhepunkten nur so strotzt, im Gegenteil. Die Insel erschließt sich aber sehr wohl dem, der sich für ihre Geschichte interessiert. Denn sie verfolgt den Besucher auf Schritt und Tritt. 

Was mir an Helgoland gefallen hat?

  • Dass hier alle so unmittelbar mit ihrer Geschichte leben.
  • Dass man die Natur und die Tiere so hoch schätzt.
  • Dass sich Kegelrobben und Seehunde hier so wohl fühlen, dass sie sich mit den Touristen und Badegästen arrangieren. 
  • Die Atem beraubende nachmittägliche Klippenwanderweg und die roten Felsen mit dem brütenden Vogelvolk.
  • Hummerbuden und Knieper Essen – mit einem Bierchen in der legendären „Bunten Kuh“
  • Mein erster Off Shore Windpark – und zwar besehen aus der Luft:

    Diese Diashow benötigt JavaScript.

  • Die Abendliche Ausfahrt mit dem Börteboot zum Sunset – rund um den roten Felsen. Musikuntermalung: Hans Albers (u.a.) – danke dafür!

Diese Diashow benötigt JavaScript.

  • Dass Helgoland eine sehr weltoffene Insel mit vielen gleichgeschlechtlichen Paaren ist
  • „Wenn die Möpse Schnäpse trinken“ und „Reisepudel Archibald“ : Dass ich hier nach vielen Jahren wieder auf den Autor James Krüss gestoßen bin, der einmal sagte:
„Haltet die Uhren an. Vergesst die Zeit. Ich will euch Geschichten erzählen.“

HELGOLAND - TIPPS
  • Gewohnt habe ich im Kurmittelhaus Helgoland in einem Appartement mit Meeresblick: Morgenlauf zu den roten Felsen empfohlen.
  • Das Museum Helgoland besuchen und mit dem Leiter Jörg Andres über die geplante Erweiterung zu einem „Haus der Erinnerung“ fachsimpeln. Bunkerführung!
  • Der 3km lange Klippenwanderweg im Oberland ist ein Muss: Die schönsten Farben gibt es an einem sonnigen Nachmittag.
  • Die Themenwege abklappern: Natur-, Kultu-, Geschichts- und Architekturpfad – ausgeschildert. Infobroschüren im Rathaus.
  • 3.500 Tagesgäste verzeichnet die Insel im Sommer: Lieber die Nebensaison nehmen und einen Tag dranhängen!
  • Bungalowdorf auf der Badedüne: Neue, bunte Ferienhäuser ganz nah bei den Robben und Seehunden. Idylle pur.
  • Bei einer naturkundlichen Führung über die Düneninsel erfahren Tierliebhaber alles über die Robben- und Seehundpopulationen. Dann Einkehren im Dünenrestaurant oder einen Strandkorb nehmen.
  • Die Insel von der Luft aus besehen – hat mich sehr beeindruckt. Der Flugplatz Helgoland bietet Rundflüge an.
  • Knieper-Essen mit Jever Bier: In Weddigs Fischerstube.
  • Einkehren in die  Bunte Kuh gleich neben den bunten Hummerbuden: Hier hat man alles im Auge nachmittags.
  • Gepflegtes Abendessen (immer überall reservieren!) im Atlantis
  • Kosten kann man ja: Den „Eiergrog“ nach einer frischen abendlichen Bootsfahrt. Speis und Trank im Aquariumcafé.
  • Für HUNDE-BESITZER: Info-Folder „Helgoländer Hundeführer“ im Rathaus holen. Die Düne ist ganzjährig für Hunde gesperrt.

HINWEIS: Ich wurde von Nordsee Tourismus im Rahmen einer Pressreise eingeladen, diese faszinierende Insel  kennen zu lernen. Die obgenannten Eindrücke und Meinungen sind meine höchstpersönlichen.


Wie hat Dir dieser WIEDERUNTERWEGS Reisebericht gefallen?