Büsum an der Nordsee: Biste Meerkieker oder Wattlöper?

„Büsum, ist das in der Türkei?“, so fragt man mich in Österreich. Mitnichten, meine Herrschaften. Deutsche Nordsee – ich war dort und habe dem Wind getrotzt. 

Das in unseren Ohren so ungewöhnlich klingende Büsum hatte für mich als weitangereiste Österreicherin einen denkbar ungünstigen Start: Der Flug nach Hamburg wurde mir noch vom Purser meines Vertrauens versüßt, die Weiterfahrt per Mietauto bei Schüttregen nach Büsum war dann schon weniger vertrauenserweckend.

In die Baustelle rund um das Hotel geraten, sauteuren Parkplatz in der vermeintlichen Nähe gesucht, Gepäck zu Fuß hingekarrt. Das Zimmer im Hotel Bootshaus Garni wäre wohl auch anders zu erreichen gewesen, als über den steilen Deich und den Koffer im strömenden Regen schleppend, aber was soll ich sagen: Wir haben hier keine echten Deiche, schon gar keinen steilen und auf Google Maps sieht halt alles ganz anders aus.

Dankenswerter Weise war das Zimmer aber urgemütlich und verfügte über einen Wassserkocher zum Teekochen – man hatte mich beim Empfang auch schon mit Kaffee gelabt, „alles gut“ – wie man hier gerne und oft sagt. Dies dürfte das Pendant zum österreichischen „Passt scho“ sein, wenn ich nicht irre. Womit wir bei den Sprachschwierigkeiten wären.

Die Kommunikation zwischen mir (nein, ich komme nicht aus Bayern) und den Einheimischen an der Nordsee verlief nicht problemlos, weil ich manchmal bereits an den vermeintlich einfachsten Worten scheiterte. Aber ich frag halt dann einfach nach: Knieper, Deichkopf, Wattlöper, Sperrwerk, „blanker Hans“ – an der Nordsee darf man nicht zimperlich sein, sieht man ja schon am Wetter. Während alle anderen also im Fischbistro Möller beim „Krabbenpul-Kurs“ mit Feuereifer ihre Krabben „pulten“, „schälte“ ich, was das Zeug hielt und war die Schlechteste nicht dabei. Das Wetter wurde nicht besser und meine vorsorglich angezogenen 5 Kleider-Schichten waren eindeutig 5 Schichten zu wenig.

Unser netter Gästelotse (hier hat wohl jedes Wort was mit  Meer zu tun) Raimund Donalies kennt aber kein Wetter, schon gar kein schlechtes, sondern nur NORDSEE-Wetter. 

Abends isses viel besser. Echt jetzt.

Im Hafen liegen keine dieser berühmten Krabbenkutter (20 gibt es noch), weil die Sperrwerktore bei der Hafeneinfahrt gerade einer Revision unterzogen werden: Mit dem angeblich größten Autokran der Welt werden nacheinander 9 Sperrwerk-Tore à 95 Tonnen aus ihren Angeln gehoben und kontrolliert. Bis dahin legen die Ausflugsschiffe nach Helgoland vom Vorhafen ganz draußen ab – entsprechender Fußweg inklusive.

Das Nordseewetter 3 Tage später: „Alles gut!“ – Hier wird ein Schleusentor gekrant.

Dass draußen der WindChillFaktor auf bedrohliche, gefühlte Unter Null Grad zu sinken droht, es quer regnet und meine 5 Schichten schon lang nicht mehr reichen, das ist hier vollkommen uninteressant. Das Wetter und der Wind gehören hier her wie der Leuchtturm, das Watt und der Deich – Na gut, bei 6 oder 7 Beaufort kann man schon mal kurz drüber reden, dass das Wetter heute nicht ganz optimal für einen kleinen Sightseeing Trip durch Büsum ist, aber viele Worte verliert man darüber nicht.

 

 

Wenn man sich mit dem Gedanken trägt, eine echte Regenjacke (kein chichi) für die Ewigkeit anzuschaffen, dann sollte man es hier und nirgends anders – oder aber am benachbarten „Felsen“ – auf Helgoland (zollfrei) tun.

Büsum: Klimadeich, Promenade und Perlebucht

Die vollkommen neu und supermodern gestaltete Promenade Büsums (ein 4 Stern Supérieur Hotel beim Leuchtturm ist gerade im Entstehen) ist wirklich ein Traum: Die Strandkörbe haben ihr Winterquartier bereits verlassen, ein Weg läuft direkt am Wasser entlang und einer oben am Deich. Hunde sind nur am Deichkopf erlaubt, erklärt ein Schild. Bahnhof. Deichkopf? Naja, oben am Deich, eh klar.

Blick auf den Deich und die dahinterliegende Perlebucht
Zugang zur Perlebucht vom Deich aus.

2013 wurde der fast 3 km lange Deich nach einem Küstenschutzplan (wegen des steigenden Meeresspiegels) verstärkt, der Strand neu angelegt und bis zur Wasserkante BARRIEREFREI gestaltet.  Überall sind Handläufe angebracht, die Tafeln geben vereinfachte (aber durchaus ausreichende) Infos über Büsum und das Wattenmeer und sind auch für Blinde adaptiert, überall findet man Rampen. Elektronische Tafeln geben Infos zu Ebbe und Flut, Windstärke und die ganze obere Promenade ist mit (sinnvollen) Info-Tafel bestückt: Beim Morgenlauf einige Tage später kann ich mich davon überzeugen.  1600 Strandkörbe sind hier in der Saison aufgestellt. Zu Beginn der „Sturmflutsaison“ im Oktober wird alles abgebaut und die Natur übernimmt wieder.

Hier in Büsum ist auch der erste KLIMADEICH Europas: Er hat eine Baureserve berücksichtigt, d.h. bei zusätzlichem Meeresspiegelanstieg kann der Deich noch zusätzlich mit einer „Kappe“ erhöht werden. Außerdem ist er zum Meer hin breiter als zuvor, sodass das Profil insgesamt flacher wird und die anlaufenden Wellen einen Großteil ihrer Kraft verlieren, bevor sie die Deichkrone (!) erreichen. 

Abends beim Fisch-Essen in dem Traditionswirtshaus „Kolles Alter Muschelsaal“ : Nach dem Verzehr von Krabbensuppe, Fisch und Bier ist es draußen sonnig und wir können zur Perlebucht, einer künstlich angelegten Badelagune mit zwei großen Meereswasserbecken – direkt an der Promenade gelegen, ein Traum für Familien, Wassersportler, Morgen-Jogger und Sunset-Trinker.

Durch 2 Schleusen wird alle 4 Wochen nach Mondphasenplan das Wasser in den Lagunenbecken erneuert. Genial.

Drei Tage später, als ich nach meinem Helgoland-Kurztrip wieder hier bin und mich von einem supersonnigen Büsum überzeugen lasse, erlebe ich die Perlebucht bei strahlendem morgendlichen Sonnenschein beim Morgenlauf: Schafe, Sonne und das Zauberwort heißt:

„Windstill“.

Spätestens jetzt bin ich begeisterter „Wattlöper“ und „Meerkieker“ in einer Person. 

AUSFLUGSTIPPs von Büsum:

  • Phänomania Büsum: Erlebniszentrum und Mitmach-Museum
  • Danke für den Tipp an meinen Kollegen Ottmar Heinze: Der Leuchtturm Westerhever war wirklich wunderschön und fotogen. Noch besser gefiel mir aber die Tatsache, dass man sich am Parkplatz unkompliziert ein Radl ausborgen kann, um zum Leuchtturm zu gelangen. Der liegt nämlich nicht um die Ecke.

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  • Schäferei Hinz: Die Deichschäferei beim Leuchtturm Parkplatz macht aktiven Umweltschutz, weil die Schafe die Deiche den Boden festtreten und das Gras kurzfressen, dadurch bleiben die Deiche intakt. Die Schafe waren schon vor dem weltberühmten Leuchtturm hier. Die Jausenstation ist auch empfehlenswert – bei Rückgabe des Radls.
  • Die größte Seehundstation Deutschlands gibt es im nahem Friedrichskoog.
  • Ich sage nur: SPO. St. Peter Ording. Ich hatte leider – wie immer – nicht viel Zeit, aber einen Strandzugang habe ich dann doch erkundet. Diese Strände sind unglaublich. Oder  „amazing“ und „awesome“ wie man heute sagt.

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  • HELGOLAND, die Insel mitten in der Nordsee.  

HINWEIS: Ich wurde von Nordseetourismus eingeladen, Büsum und Helgoland im Rahmen einer Pressereise zu erkunden. Die Ansichten im Artikel sind meine persönlichen.

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