Schiele ganz privat: Das Egon Schiele Museum in Tulln

Eine Ausstellung der etwas anderen Art findet man ab April 2018 in Tulln zu Egon Schiele: Hier dominiert Kulturvermittlung mittels „Augmented Reality“ und „Oral History“ – Egon Schiele ganz PRIVAT im neu gestalteten Schiele Museum.

Keine Museumsräume mit unlesbar winzigen Wandtexten, keine verstaubten Repliken oder endlos lange Museumsgänge. Das neu eröffnete Egon Schiele Museum ist übersichtlich und klein, aber hat es in sich:

Hier läuft fast alles ganz privatissimum im eigenen Kopf ab – dazu brauchen die Besucher nur ihre Ganglien benutzen, ihre Fantasie spielen lassen und dazu einen Kopfhörer aufsetzen. Alles andere entsteht im Kopf wie von selbst:

Ein Privatissimum mit Egon Schiele quasi. Ein intimes, audiovisuelles Treffen mit Menschen, die ihn gekannt haben: Seine Schwestern und seine Schwägerin. 

Egon Schiele Museum – Schiele privat in Tulln erleben

Hier winken und zwinkern einem die Damen an der Wand zu, wenn man sie länger beobachtet. Manch´ eine streicht auch verträumt über ihren Rock – ein wenig wird man an Harry Potter und die interaktive Berichterstattung des „Tagespropheten“ erinnert.  Bevor man in den ersten Stock des ehemaligen Gefängnisses von Tulln steigt, lernt man nämlich diese (inter)aktiven Damen kennen – sie alle haben eine wichtige Rolle in Schieles Leben gespielt. 

Oben angekommen geht´s schon los mit den bewegten Bildern: Die wichtigsten Schiele Forscher kommen in Videos zu Wort und schließlich taucht man ganz tief ein in die Forschung der „oral history“: Menschen fragen und andere erzählen.

In Schieles Fall ist es die Texanerin Dr. Alessandra Comini, eine Wissenschafterin, die über die Portraitmalerei Schieles an der Boston University dissertiert und zuvor auf für damalige Verhältnisse ungewöhnliche Art und Weise über ihr Idol recherchiert hat. Sie ist 1963 ganz unmittelbar eingetaucht in Schieles Welt, oder was damals noch davon übrig war:

Sie hat nämlich die letzten noch lebenden Zeitzeuginnen kurzerhand in Österreich besucht, befragt und sich mit ihnen angefreundet.

So konnte sie private Dinge über Schiele erfahren, die damals weitgehend unbekannt waren. Sie sprach mit Schieles Schwestern Melanie und Gerti sowie mit seiner Schwägerin Adele über das, was sie wussten und gemeinsam erlebt hatten. Diese Interviews stehen dem Museum in Tulln nun exklusiv zur Verfügung und deshalb „eignet sich kein Ort besser, um Egon Schiele als Mensch kennen zu lernen“, so Christian Bauer, der Kurator des Museum und Direktor der Landesgalerie in Krems.

Als ich vorort in Tulln zu Presse-Eröffnung des Museums geladen bin, ist sie auch hier: Die 1934 geborene Forscherin und Schiele-Doyenne ist extra nach Tulln (!) gekommen, um noch einmal Schnurren zu erzählen: Über Gerti, Mela und Adele und deren Geschichten über die Familie Schiele, über Klimt und Wien um 1918 – und über Egons wildes Verhältnis mit Wally Neuzil – die Frauen in Schieles Leben.

Ich kann mir gut vorstellen, wie ihr in den 60er Jahren zumute war, als sie nach Jahren der Schiele-Forschung mit einem Volkswagen und einem riesigen Tonbandgerät in Niederösterreich unterwegs, vorort von Schieles Schwestern im Plauderton schließlich soviel Privates erfuhr und dokumentierte – „Oral History“ ist eine aufregende Facette der Forschung, finde ich.

Ich selbst liebe es auch, private Briefe und Tagebüchern von meinen Lieblings-Schriftstellern zu lesen und ähnlich muss es ihr damals ergangen sein: Mit jedem Satz ihrer Gesprächspartnerinnen dürfte sie in die Welt ihres verehrten Egon Schiele weiter eingetaucht sein – und heute können wir Museumsbesucher in Tulln diese Erzählungen virtuell miterleben.

Denn das Museum baut auf diesen ungewöhnlichen und spannenden Gesprächsdokumenten auf: In 6 Kojen des ehemaligen Bezirksgerichts Tullns, die nur auf den ersten Blick vollkommen leer wirken, werden die Stätten der damaligen Interviews wieder lebendig.

So werden etwa der Bahnhof von Tulln (wo Schiele aufwuchs), sein Klassenzimmer in Klosterneuburg oder seine Gefängniszelle in Neulengbach („Affäre Neulengbach“) zum Leben erweckt. Mittels Kopfhörer und einem Bildschirm, auf dem diese Situationen nachgestellt sind. Sobald man sich einem Zimmer nähert, hört man im Kopfhörer die dazugehörigen Stories von Schiele privat: Frauen erzählen einander Privates über Schiele und der Besucher ist bei diesen intimen Gesprächen mit dabei.  Zeit nehmen, zuhören und sich einlassen auf diese Eindrücke!

Gestaltet wurde die „Augmented Reality“ Ausstellung mit historischen Fotografien von „toikoi_erzählende räume“. Neben dem Eingang befindet sich die „Schatzkammer“ des Museums, in der zur Zeit das Leben von Schieles Vormund Leopold Czihaczek dokumentiert wird.

Zeichenfeder Schieles in der Schatzkammer

Noch mehr Schiele Tipps für Tulln

Noch mehr Schiele: Das Geburtshaus am Bahnhof kann man den ganzen Tag lang besuchen: Mit einer Zwei-Euro Münze ist man mit dabei und steht mitten in jenem Zimmer, in dem Egon Schiele auf die Welt gekommen ist.

Die Räume sind im Gründerzeit Stil eingerichtet – so oder ganz ähnlich dürfte eine begüterte Familie wie die Schieles (sein Vater war Bahnhofsvorstand und damit einer der angesehnsten Männer Tullns) damals gewohnt haben. Sein Vater verstarb früh an Syphilis, sein Vormund wurde der obgenannte Großbürgerliche Leopold Czihaczek. Unter so genannten „Sound – Duschen“ kann man im Zimmer, wo Egon und seine Schwestern einst gespielt und geschlafen haben – hineinhören in das Leben des – EGON SCHIELE PRIVAT, der 1918 im Alter von 28 Jahren – 8 Monate nach Gustav Klimt und 3 Tage nach seiner schwangeren Frau Edith an der Spanischen Grippe stirbt.

Weiterführende Literatur zu EGON SCHIELE


Hinweis: Ich konnte das neu gestaltete Schiele Museum in Tulln im Rahmen einer Presse-Führung besuchen.

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