Unterirdisches Sightseeing: Die Michaelergruft in Wien.

Es muss nicht immer die Kapuzinergruft in Wien sein, wenn man ein wenig der vielzitierten Morbidität in Wien schnuppern will. Die Michaelergruft hat da vom „Spooky-Faktor“ deutlich mehr zu bieten. Dort wandelt man nämlich auf Gebeinen, Skeletten und sonstigem mumifizierten Allerlei.

Dr. Alexandra Rainer hat jahrelang dort unterirdische Führungen geleitet, war maßgeblich an der Sache mit den „Rüsselkäfern“ beteiligt und weiß mehr morbide Geschichten rund um die Gruft als so mancher Pater der Michaelerkirche.

MICHAELERGRUFT: Von WIEDERUNTERWEGS Gastautorin Dr. Alexandra Rainer

Man kann auch unterirdisch „wiederunterwegs“ sein. In die Wiener Vergangenheit reisen, indem man die Michaelergruft besucht. Dieser Friedhof befindet sich genau unter der Michaelerkirche neben der Hofburg, mitten im pulsierenden Wien der Touristen. Etwa 4000 Menschen, Hofadel und Bürgerliche, wurden von 1560 bis 1783 darin bestattet, arme Leute niemals, denn sie konnten sich die Beerdigungsgebühren nicht leisten.

Der Grund, einen Friedhof unter die Kirche zu legen ist einfach: Platzmangel in der Stadt. Sukzessive wurde daher die Gruft gegraben, bis die gesamte Kirche mit 854 Quadratmetern unterkellert war. Herren der Gruft war der Orden der Barnabiten, eng verbunden mit den Habsburgern. Hochadelige Familien wie Werdenberg, Aspremont-Lynden (noch heute in Belgien lebend) oder Trautson ruhen in luxuriösen Kupfer- oder Bleisärgen in eigenen Grüften. Vergangener Glanz, der wieder zum Vorschein kommt. Denn die Särge werden restauriert und im Jänner 2014 startete ein neues Projekt: Seit 200 Jahren verschlossene Grüfte wurden geöffnet und erforscht und neben einer Katzenmumie auch andere spannende Dinge entdeckt …

          Michaelergruft Wien     Michaelergruft Wien

Michaelergruft: Die Besucher spazieren auf Knochen- und Särgenresten

Seit 1977 gibt es elektrisches Licht in der Gruft. Die Holz- und Metallsärge stehen museal nebeneinander gereiht. Ursprünglich sah das ganz anders aus: Um Platz zu sparen, wurden die Holzsärge übereinander gestapelt. War eine Gruft überfüllt, wurden die Särge samt Inhalt zerstört, darüber eine Lage aus Sand und Lehm geschüttet, so dass sich das Bodenniveau um etwa 1,5 Meter erhöhte. Das erklärt auch, warum nur noch 221 Holzsärge erhalten sind.

Die heutigen Besucher gehen genau genommen auf einer Schicht aus kaputten Särgen, Knochen- und Kleiderresten. Dazu aufgeschichtete Knochen an den Seitenwänden, das kann schon unheimlich wirken, auch auf Berühmtheiten: André Heller führte 1979 Andy Warhol hinunter, der den Friedhof mit einer Kunstinstallation der Barockzeit verwechselte. Als Warhol erkannte, wo er sich befand, nämlich „vis à vis der letzten und tiefsten Unverlogenheit“, flüchtete er aus der Gruft. Was auf Warhol so erschreckend gewirkt hat, ist jedoch nichts anderes als ein stiller, barocker Friedhof.

Schlafende Mumien und Rüsselkäfer

Die Holzsärge sind bemalt mit Vergänglichkeits- und Auferstehungssymbolik. Sanduhren zeigen, dass die Lebenszeit verrinnt, eine verlöschende Kerze den letzten Atemzug. Manche Särge sind geöffnet. Denn durch ständigen Luftzug sind einige Tote ausgetrocknet, die teils wie schlafend wirkenden Mumien liegen genauso da wie vor 250 Jahren. Barocke Seiden- und Samtkleidung haben sich erhalten, auch Lederstiefel und Perücken.

Für die oben erwähnten Rüsselkäfer (Erstfunde in Österreich in der Michaelergruft) waren die Mumien ein Festschmaus: Die aus Neuseeland eingeschleppten Käfer lieben Wärme, Feuchtigkeit und zerfraßen nicht nur das Holz sondern gleich die ganze Mumie. Durch das Senken der Luftfeuchtigkeit und ständiges Kühlen der Gruft auf 12 bis 14 Grad konnte man der hungrigen Tierchen schließlich Herr werden.

           Michaelergruft Wien    Michaelergruft Wien

Wer sich pietätvoll auf die Toten der Michaelergruft einlässt, muss nicht erschrecken. Die Mumien sind vielmehr ein Beispiel für die gelungene Bewältigung des Sterbens, sie mahnen zu Gelassenheit. Daher wird die Michaelergruft erhalten und präsentiert, um Wiener Bestattungsgeschichte zu erzählen und etwas gegen die fast schon sprichwörtliche Verdrängung des Todes zu tun.

Michaelergruft – Gruftführungen:

Anmeldung unter 0650 – 533 80 03, 1. März bis 31. Oktober Mo – Sa um 11 + 13 Uhr, Treffpunkt Hauptportal der Kirche

Gruft-Lektüre:

Alexandra Rainer (Hg.), Die Michaeler Gruft in Wien – Retten, was zu retten ist. Pfarre St. Michael, Wien 2005.

Ein Reiseführer der ganz anderen Art:

Alexandra Rainer: Melange und Zuckerlskelett. Larimar Verlag 2005.

Beide Bücher in St. Michael oder über alexandra.rainer@gmx.at erhältlich.

 

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