Nils Strunk und Lukas Schrenk haben es wieder getan, diesmal auf Geheiß von Maria Happel für das 100-Jahr-Jubiläum des Theaters in Reichenau. Sommertheater wie es sein soll: mit einer schmissigen Fledermaus und ihrem perfekt zusammen gewürfelten Ensemble.

Inhaltsverzeichnis
Festspiele Reichenau: 100 Jahre Theater am Fuße der Rax zwischen Thalhof und Kurcafé
Das Theater in Reichenau – das erst viel später zum Kurtheater wurde – eröffnet 1926 mit der “Fledermaus” von Johann Strauß. Grund genug, um das Erfolgsduo Nils Strunk und Lukas Schrenk für diese Jubiläumssaison zu verpflichten. Maria Happel hat zugeschlagen, wiewohl sie – so Nils Strunk in seiner Einführung, schon vor drei Jahren bei ihm diesbezüglich vorgefühlt haben soll.


Mit gutem Grund: Stefan Zweigs “Schachnovelle” ist immer noch ausverkauft in der Burg und sollte diese Reichenauer Fledermaus-Inszenierung je nach Wien kommen – was zu hoffen und zu wünschen ist – so wird wohl hoffentlich auch ihr ein solch erfolgreiches Schicksal beschieden sein.
Die aktuelle Ausstellung im Schloss Reichenau lohnt einen Besuch, wenn man es zwischen 10 und 16 Uhr (mit Theaterticket frei) hinschafft. Leider ist Fotografieren der meisten Ausstellungsgegenstände verboten, viel Raum nimmt die Familie Waissnix ein.
So war das Theater, das 1926 in Reichenau eröffnet wurde, ehemals eine Waissnix´sche Holzschleiferei und Schnitzler-Angebetete Olga Waissnix wusste zu ihrer Zeit auch dann und wann als Schauspielerin zu begeistern. Schnitzler selbst verfasste 1886 bereits ein Thalhof-Festspiel.






100 Jahre Theater Reichenau
Die Festspiele Reichenau zählen zu den führenden Sprechtheater-Festivals im deutschsprachigen Raum. 2026 feiern sie das Jubiläum „100 Jahre Theater Reichenau” – das Haus wurde am 1. August 1926 mit der „Fledermaus” eröffnet.
Die Reichenauer Fledermaus – Swing und Charleston, Walzer, Wortwitz und reichlich Absinth
Matinée am 4. Juli 2026, Kaiserwetter und der eine oder andere vormittägliche Apéro unter einem Blätterdach beim Theater Reichenau, gefolgt von einer Werkseinführung zu “Die Fledermaus”. Eine Fledermaus, die man so noch nie gesehen hat – auch wenn man Inszenierungen der Staatsoper, der Volksoper und zuletzt auch am Theater an der Wien sowie die diversen Verfilmungen – zur Genüge kennen mag. Wie ich etwa.

Nils Strunk, Lukas Schrenk und ihre neue Fledermaus
Und das Publikum in Reichenau war von dieser neuesten Strunk/Schrenk Produktion offenbar uneingeschränkt schlichtweg begeistert. Drei Stunden wurde im Parkett rund um mich gekichert, herzlich gelacht, wohlwollend geschnauft und zu jeder Anspielung auf Geschehnisse und Protagonisten des Jahres 1926 zustimmend und wissend geraunt. Und das will was heißen in Reichenau, wiewohl: Mit SchauspielerInnen ist man hier ja von jeher verwöhnt. Josefstadt, Burgtheater, Volksoper, Bronski&Grünberg und die VBW – auch heuer in dieser Fledermaus-Inszenierung ein genial zusammen gewürfeltes Ensemble: Maria Happel kann das. Und nach Reichenau fährt man halt wegen der SchauspielerInnen, wegen der Gegend, wegen der Sommerfrische – immer schon.

Die Fledermaus feierte ihre Wiener Uraufführung 1874 im Theater an der Wien, die Prinzipalin selbst – Marie Geistinger – gab die “teure Rosalinde”. Strunk und Schrenk haben die Reichenauer Fledermaus kurzerhand in das Jahr der hiesigen Theatereröffnung verlegt. Gabriel von Eisenstein und seine Frau sind Privatiers, Prinz Orlofsky ein reicher Exilrusse, Ida Geigerin und gemeinsam versinkt man im Absinthrausch. Dazu werden Freud, Tolstoi und dankenswerter Weise immer wieder leicht ironisierend Schnitzler zitiert – der hier, wenn man die Techtelmechtel innerhalb der Fledermaus näher betrachtet – mit seinem Privatleben hervorragend dazu passt. Und ich darf das sagen, denn ich kenne seine Briefe und Tagebücher ganz genau.

Was war los im Wien des Jahres 1926?
Deswegen auch immer wieder mehr oder weniger gut erkennbare Anleihen an seiner Traumnovelle – Freud ist sowiso allgegenwärtig und im Gefängnis bei Direktor Frank und Frosch sitzen gerade – in dieser 1926er Version der Fledermaus – nicht nur der Mörder von Hugo Bettauer, sondern auch ein gewisser Stefan Zweig wegen Exhibitionismus ein. Dazu freut sich das wissende Publikum über wie zufällig eingeworfenen Anspielungen auf Ignaz Seipel, das Rote Wien, die ewig gestrigen Majore und Konsule, die verdorbene Gesellschaft auf der Suche nach Zerstreuung, sowie auf all das, was 1926 grad aktuell war. Strunk und Schrenk haben ihren Herbert Lackner gelesen und auch in den Zeitungsdatenbanken gestöbert – schlecht vorbereitet sind sie ganz und gar nicht.

Die Lampen schimmern rot, wenn uns Moritz Mausser als Prinz Orlofsky uns mit in die Traumnovelle nimmt und grün, wenn man im allgemeinen Absinthrausch Wortfindungsstörungen und den Körper nicht mehr unter Kontrolle hat. All das ist 1926 und all das ist mit dabei – in dieser flotten, amüsanten, hervorragend gespielten und niemals langweiligen Reichenauer Fledermaus. Das verdanken wir wie schon erwähnt auch dem hervorragenden Ensemble sowie einem hinreißenden Orchester.

Die Höhepunkte der Fledermaus in Reichenau
Sebastian Wendelin (wunderbar mit Stefanie Reinspergers Liliom an der Burg) darf sich als Frosch und russischer “Maitre de plaisir” mit Stolper-Slapstick so richtig austoben, Raphael von Bargen (Josefstadt) zeigen, dass er nicht nur den Eisenstein von reichlich überfordert bis tapsig, sondern auch Saxophon beherrscht. Julia Edtmaier als Adele wiederum, zeigt einmal mehr, dass sie wirklich alles kann: Tanzen, Singen, Komik, spielen sowieso, offenbar sämtliche Dialekte (siehe “Im weißen Rössl” an der Wiener Volksoper) und dabei gleichzeitig liebenswert und umwerfend komisch sein. Sie darf Schauspielerin, Model und auch Medium auf dem Festl im Palais beim Prinzen sein (Séancen waren im Wien der 1920er ein großer Hype).





Jakob Semotan als Gefängnisdirektor hat die kleine Bühne stimmlich (da ist er Größeres gewohnt) und sympathiemäßig voll im Griff und der spät engagierte Musicalliebling Moritz Mausser (gerade als Friedrich von Preußen in “Maria Theresia” im Ronacher) ist auch auf den Reichenauer Theaterbrettern von monumentaler Präsenz – wie es einem jungen Musicalstar halt wohl ansteht. Eva Mayer macht die Rosalinde zu einem weiteren schauspielerischen Höhepunkt des Abends, ihre Körpersprache, Mimik und der Wechsel der Sprache von Vorstadt-Wienerisch über Pseudo-Ungarisch bis hin zu gewollt gebieterischem Privatier-Deutsch ist unvergleichlich gut.
Gerhard Kasals Alfred ist ein tollpatschiger Möchtegern-Hallodri, Helmut Bohattschs Szene mit Eisenstein überhaupt von witziger Wortgewalt, bei der man nicht weghören kann und fasziniert lauscht. Seduzieren, invitieren und insistieren – köstlich.

Überhaupt sind es auch die kleinen Einwürfe, Bemerkungen, Kommentare und urwienerischen Ausdrücke, die diese rasante Inszenierung zu etwas so Besonderem machen.
Aus dem Theaterabend eine Sommerfrische machen
Nach der Vorstellung bleiben, wo einst das halbe Burgtheater logierte: Hotels, Villen-Pensionen und Ferienwohnungen in Reichenau an der Rax – mit Verfügbarkeit und Preisen auf einen Blick.
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Ein bissl Operette, ein bissl Musical, Swing, Charleston, Tango und eine Anlehnung an die Comedian Harmonists geben den musikalischen Teil ab. Dazu fein verwobene Fakten und Geschehnisse aus dem Wien des Jahres 1926: Die erste geregelte Kreuzung in Wien an der Oper, die Elektrifizierung, Adolf Loos und seine Ornamente, Peter Altenbergs Vorlieben und Anspielungen ….
“Die Zeit, sie rennt, das Geld verbrennt. Was zählt, ist der Moment. Es wankt der ganze Kontinent.”
Am Schluss haben es dann wirklich alle TeilnehmerInnen des Gelages beim Prinzen emotional vermasselt und finden sich einem absinth- und alkoholgeschwängerten Netz von Betrug und Lüge, von Schein und Gewalt wieder – man weiß nicht so recht weiter. So darf “Brüderlein und Schwesterlein” in Reichenau an dieser Stelle als Abschluss fungieren, statt auf dem Ball bei Orlofsky. Nichts ist, wie es scheint. Und wieder Schnitzlers Traumnovelle und Freud.
Der Eifersuchtstango am Ende ist vielleicht etwas zuviel des Guten, aber zumindest freut sich das Publikum ehrlich, alle ProtagonistInnen nochmal auf einem Haufen zu sehen. Drei Stunden, die sich unbedingt lohnen.

Reichenauer Reigen
Reigen anno 2026
Da haben es Alexandra Henkel und Dietmar König schon schwerer, den “Reigen” anno 2026 – bei LGBTIQ – sinnvoll und nachvollziehbar auf die Rundbühne im neuen Spielraum zu bekommen. So bleibt er lieber im historischen Zeitrahmen inszeniert. Und dass er zu seiner Erstaufführung 1920 als veritabler Skandal galt, weiß man ohnehin, die Info ist lässlich.
Hervorragend besetzt selbstverständlich auch hier, aber: Es dürfen nur ein paar harmlose Anspielungen auf eventuelle gleichgeschlechtliche Beziehungen sein in dieser Inszenierung. Hingegen “K.O. Tropfen” dürfen vorkommen – ein verstörender, aber guter Einfall, wie ich meine.

Der Schnitzler´sche Text von 1896 (!) ist jedenfalls zeitlos gut (“Ich kann dein G´sicht gar ned sehen”, “Ah was, G´sicht”) und auch das übersichtliche “Bühnenbild” scheint beim anspruchsvollen Reichenauer Publikum gut anzukommen. Für mich wirkt er wie ein Fleischberg mit und unvorhersehbaren Versenkungen – erinnert vielleicht sogar an Adele Sandrocks Ausruf “Du süßes Menschenfleisch” in Richtung ihres schnell vergrämten Liebhabers Arthur Schnitzler. Im übertragenen Sinne, naja.
Sehr gut gefallen haben Stefanie Dvorak als überspannte Schauspielerin (wer vorher zufällig die Briefe Sandrock-Schnitzler gelesen hat, sieht Dilly förmlich vor sich – genial!), Lukas Watzl als Soldat, der auch Gitarre spielen darf und gleich in der Anfangsszene mit Affolter einiges rausholt, Stefan Jürgens als selbstironischer Graf und Clara Wolfram als süßes Mädl. Daniel Jesch gibt einen selbstverliebten Dichter (“Turi?”), Therese Affolter eine betagte Dirne. Weiters mit dabei: Das Regie-Paar, Markus Freistätter und Bettina Schwarz beeindruckt als hilfloses und rechteloses Stubenmädl.


“Mein Liebes Kind…”
Wie wir aus Schnitzlers Briefen hinlänglich wissen, befleißigte er sich mit Vorliebe der desavouierenden und herablassendes Anrede “Mein liebes Kind…”, wenn er sich an seine Geliebten jeglichen Alters zu wenden pflegte. Das war aus gekränkter Eitelkeit bei Mizi I oder Mizi II genauso der Fall wie bei seiner letzten offiziellen Freundin Clara Katharina Pollaczek, die ihn bis zu seinem Tod mit ihrer Eifersucht verfolgte. Und zwar zu Recht, da sie gleich zwei Nebenbuhlerinnen hatte, aber bis zuletzt ganz andere (Olga) als Konkurrentin in Verdacht hatte. Laut Programmheft hat man ein Gedicht von Schnitzler ausgegraben, das dann zum Schluss auch vom Ensemble rezitiert werden darf, das eben jenes besagte Kind anspricht. Zudem wurden einige Ensembleszenen hineingeschrieben, die mal besser, mal schlechter passen. Alles in allem hat es dem Publikum aber gefallen (Neben mir: “Gar ned schlecht, oder?“) und man konnte zufrieden ins Kurcafé, in den Marienhof oder in die Schloss-Stuben weiterziehen.

Zuletzt hatte man bei den Festspielen Reichenau 2012 den “Reigen” gegeben, da wurde noch mit einem echten Bett auf der Bühne gearbeitet – Jürgen Maurer als Ehegatte, David Oberkogler als junger Herr, Chris Pichler als junge Frau sowie Petra Morzé, Katharina Straßer und Miguel Herz-Kestranek waren damals ProtagonistInnen.
Das Eröffnungsfest Reichenau 2026 – Fotos
Leider wurde mit der Eröffnung nicht auf die ZuseherInnen der Fledermaus gewartet an diesem Nachmittag. Maria Happel war bereits bei ihrem Theater-Lied, als wir ankamen und auch die Moderation von Jakob Semotan war schon im Gange. Dennoch: Wieder ein sehr schönes Fest mit guten Darbietungen von Stefan Jürgens, Johanna Arrouas, Sona MacDonald, Lukas Watzl, Jakob Semotan u.a. – und ich hab wieder kein Fähnchen erwischt :-)
Wie gesagt, die Festspiele Reichenau sind ein ausgesprochenes SchauspielerInnen-Theater – immer gewesen – und dafür ist man in Österreich beim Sommertheater zu Recht dankbar.







Noch mehr Reichenau, Rax und Semmering zum Nachreisen
Wer nach dem Sommertheater Lust auf mehr Reichenau und Umgebung bekommt: Ich bin in dieser Ecke der Wiener Alpen seit Jahren immer wieder unterwegs, mit Geschichte und Literatur im Gepäck. Wie es zu meinem geliebten Südbahnhotel am Semmering steht, dieser einstigen Sommerfrische-Legende und langjährigen und wieder Außenspielstätte der Festspiele Reichenau, habe ich in einem eigenen Beitrag festgehalten. Auf den Spuren von Schnitzler, Freud und Altenberg führt die Sommerfrische-KulTour rund um Rax und Semmering zu den schönsten Schauplätzen der Jahrhundertwende, und wer lieber selbst losgeht, findet bei meiner Villenwanderung durch Reichenau an der Rax das Fin-de-Siècle-Flair zwischen Thalhof und Schloss Rothschild.
An heißen Tagen lockt das Höllental zum Flussbaden in der Schwarza am 1. Wiener Wasserleitungsweg, und wer die Region überhaupt erst für sich entdecken will, wird in meinen Tipps zur Sommerfrische in Österreich fündig. Selbst im Winter hat die Gegend ihren Reiz, wie mein Bericht über die stillen Tage zwischen den Jahren in Reichenau zeigt.
Und meinen Bericht über die Festspiele Reichenau 2023 und 2022 mit ihren Premieren und Publikumslieblingen gibt es natürlich auch noch zum Nachlesen.
Hinweis: Mir wurden zur Berichterstattung zwei Tickets zur Verfügung gestellt.
