Musical Frühling Gmunden 2026: Bob Dylan am Traunsee

Deutschsprachige Erstaufführung im Salzkammergut

by Angelika Mandler-Saul

Ein historisches Stadttheater am Traunsee, das bemerkenswerte Weltpremieren produziert und sich nicht auf Musical-Allerlei einlässt: “Girl from the North Country”, deutschsprachige Erstaufführung unter der Intendanz von Elisabeth Sikora und Markus Olzinger.

Die Cast 2026 Musical Frühling 2026

Reisen mit Kultur

Ich bin bekennende Theaterliebhaberin und das nicht erst seit gestern. Sondern seit dem “Theater der Jugend” und der legendären “Evita” Aufführung in den 1970ern in Wien. Seit fast 50 Jahren pilgere ich in Wiener Theater, zu Sommerbühnen, Theaterfestivals, nach Salzburg und immer wieder zu Musicals – egal wo. Deswegen auch hier am Blog: Reisen mit Kultur.

Meine Vorliebe: Historische Theater mit k.u.k Touch überall auf der Welt (vom Strudengau bis Polen und von Salzburg und Reichenau bis in die Ukraine). Manchmal ist es ein laues Sommerabend-Gefühl unter freiem Himmel, manchmal die zeitlose Eleganz eines historischen Stadttheater mit viel österreichischer Geschichte dahinter, gepaart mit internationaler Musical- und hochkarätiger Schauspiel-Besetzung. Wie hier in Gmunden etwa.

Ostermontag, Gmunden. Sobald die Sonne hervorkommt und der Traunsee zu glitzern beginnt, füllen sich die Cafés und Schanigärten. Auch mit mir im Rathaus Café. Und bei der Nachmittagsvorstellung im Stadttheater um die Ecke?

Ausverkauft. Was man gibt? Eine deutschsprachige Erstaufführung: “Girl from the North Country” von Conor Mc Pherson mit Musik von Bob Dylan, übersetzt von Intendantin Elisabeth Sikora.

Kein leichter Stoff, keine Sommernachtsatmosphäre, aber: Etwas Besonderes.

esplanade gmunden
In der Pause kurz an die Esplanade Gmunden

Musicalfrühling Gmunden 2026 – Girl from the North Country

Kein Glitzer. Kein großes Finale Keine Tanzshows. “Girl from the North Country” ist eine Zustandsbeschreibung. Amerika, 1934, irgendwo im Nirgendwo am Lake Superior. Eine Pension kurz vor der Zwangsversteigerung, der Besitzer am Ende seiner Kräfte, seine Frau in einer Welt, die niemand sonst sieht, und dazu ein Dutzend Menschen, die alle irgendwie gestrandet sind.

Mich hat das Stück stark an vergangene Eindrücke aus verschiedenen Aufführungen in Wien von Stücken von Tennessee Williams und Eugen O´Neill erinnert: Zerrüttete Familien, Alkohol, Gewalt, tiefe Verletzungen.

bühnenbild musical frühling gmunden
Bühnenbild

Das Bühnenbild passt dazu: eine zerschlissene Couch, ein alter Ohrensessel mit Flecken, vergilbte Tapeten, ein abgenutztes Klavier. Grau und braun, kein einziger Farbakzent. Regisseur Markus Olzinger hat das konsequent durchgezogen, und es funktioniert. Man ist mitten drin: 1934 irgendwo in Minnesota.

Was das Stück zusammenhält, ist die Musik von Bob Dylan. Seine Songs, verteilt über drei Stunden – ganz ohne Konzertgefühl. Die Songs werden von jenen Figuren gesungen oder auch nur angesungen, die sie brauchen und zu denen sie passen.

Schauspielerisch hat Intendantin Elisabeth Sikora höchst luxuriös besetzt: Johannes Zeiler als Pensionsbesitzer Nick Laine ist eine Klasse für sich. Einfach ein Mann, der müde ist. Elisabeth Sikora steht wieder selbst auf der Bühne, als seine Frau, die in einer anderen Welt lebt. Oder doch nicht? Wenn es um ihre schwangere Tochter geht (ganz sicher bald groß im Kommen, stimmlich und schauspielerisch top: Tara Friese), ist sie ganz im Hier und Jetzt.

Johannes Zeiler, Coreena Brown, Foto: Musical Frühling Gmunden, Rudi Gigler
Musical Frühling GMunden
Tara Friese und Carlos de Vries, Foto: Musical Frühling Gmunden, Rudi Gigler

Als Erzähler und in der Rolle des Arztes fungiert Paul Matic mit seiner großartigen Stimme und Bühnenpräsenz, der sich deutlich mehr Gesang verdient hätte. Aber auch auf der Mundharmonika kann er musikalisch beitragen: Zu den stimmlichen Leistungen von u.a. Coreena Brown (USA), Michaela Thurner (Deutschland) und Tamara Pascual (Deutschland). Letztere kennt man bereits aus Mörbisch und von der Uraufführung “Ku´damm 56” in Berlin. Und Schauspieler Aaron Karl gibt in Gmunden gar sein Musical-Debüt.

Top Frauenstimmen, Foto: Musical Frühling Gmunden, Rudi Gigler

Die gesamte Besetzung gibt es hier online nachzulesen. Dreizehn Figuren auf dieser kleinen Bühne, und nicht eine geht verloren im Laufe der Handlung.

musical frühling gmunden
Foto: Musical Frühling Gmunden

Praktische Infos: “Girl from the North Country” ist noch bis 18. April 2026 im Stadttheater Gmunden zu sehen. Tickets (28-87 Euro) und alle Informationen unter musical-gmunden.com – wer noch Karten möchte, sollte sich beeilen, die Vorstellungen sind fast ausverkauft.

Das Musical – Entstehung, Broadway und ein Literaturnobelpreisträger

Hinter dem Stück stecken zwei sehr unterschiedliche Männer. Bob Dylan, 1941 in Duluth, Minnesota geboren – ausgerechnet dort, wo das Stück spielt – ist nicht nur einer der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts, sondern seit 2016 auch Literaturnobelpreisträger. Die Schwedische Akademie hat seine Songs damals als Lyrik anerkannt, was durchaus nicht unumstritten war.

Conor McPherson, irischer Dramatiker, Jahrgang 1971, ist jemand, den man in Wien gut kennen müsste, aber vielleicht zu wenig kennt. Er hat in Dublin Philosophie studiert, schreibt seit Anfang der 1990er Jahre für die Bühne und gilt seit seinem Durchbruch mit „Das Wehr” am Londoner Royal Court Theatre als einer der bedeutendsten Dramatiker seiner Generation.

Für „Girl from the North Country” hat McPherson keine Dylan-Biografie auf die Bühne gebracht und kein Trallala-Musical geschrieben. Er hat eine eigene Geschichte erfunden und Dylan-Songs darin platziert. Das Stück hatte 2017 am Old Vic Theatre in London Premiere, lief danach im West End und feierte 2018 seine Amerika-Premiere am Off-Broadway in New York.

Dylan Figuren und ihre DarstellerInnen

Die deutschsprachige Erstaufführung findet im Stadttheater Gmunden statt. Einem Theater mit rund 420 Sitzplätzen am Traunsee. Dass das möglich ist, hat mit mehreren Jahren Verhandlungsarbeit zu tun und mit einer Intendanz, die weiß, was sie will.

Elisabeth Sikora und Markus Olzinger – die Macher hinter dem Musical Frühling

2026 ist die elfte Spielzeit des Musical Frühling Gmunden. Elf Jahre, in denen aus einem regionalen Theaterprojekt eine Adresse geworden ist, die international wahrgenommen wird.

Das Intendanten-Paar Elisabeth Sikora und Markus Olzinger hat das aufgebaut, Produktion für Produktion. „Briefe von Ruth” hatte 2023 in Gmunden Weltpremiere, war danach am Stadttheater Fürth und wird jetzt gerade 2026 an der Oper Trondheim in norwegischer Sprache gespielt. „Saving Mozart” feierte 2025 ebenfalls Weltpremiere in Gmunden, fand danach den Weg nach London und hat beim Deutschen Musical Theaterpreis in Berlin in der Kategorie Beste Komposition gewonnen. Keine schlechte Bilanz für ein historisches Theater im oberösterreichischen Salzkammergut.

zuschauerraum stadttheater gmunden
Zuschauerraum

Elisabeth Sikora ist bei diesem Stück nicht nur Intendantin, sondern auch Darstellerin und Übersetzerin. Manche Stellen sind jedoch auf Englisch geblieben – eine dramaturgische Entscheidung, die aufgeht und mich persönlich als bekennende Nicht-Dylan-Spezialistin abgeholt hat.

Dass Sikora selbst nach drei Jahren Pause wieder auf der Gmundner Bühne steht, scheint sie auch selbst mit Freude zu erfüllen, das merkt man.

Der Musical Frühling Gmunden funktioniert, vielleicht gerade wegen dieser “schwierigen Stücke”. Kein Wien, kein Hamburg, nicht mal Amstetten. Ein kleines, feines Festival an einem der schönsten Seen Österreichs, mit einem genial gemischten Ensemble, das man so in dieser Zusammensetzung sicher nirgendwo hören, sehen und genießen kann.

Das Stadttheater Gmunden

Das Haus selbst ist – für mich persönlich – schon ein Besuchsgrund. 1872 eröffnet – auf Initiative des Salzburger Theaterdirektors Joseph M. Kotzky, der das Gebäude auf eigene Kosten errichtet hat – war es von Anfang an mehr als ein Sommerspielort. 1897 war Arthur Schnitzler persönlich anwesend, als hier die österreichische Erstaufführung seines Dramas „Freiwild” stattfand. Er kaum dazu aus Ischl rüber und in seinem Tagebuch schreibt er lakonisch:  “In Gmunden mit Richard (Beer-Hoffmann). „Freiwild“. Erste oesterr. Aufführung.― Pepi Weiss, wie komisch, spielte die Pepi Fischer!― Sie erkannte mich gleich von der Bühne aus. Gespielt wurde nicht so schlecht als nach 2 Proben zu vermuthen gewesen.― Der Erfolg war stark. Ich blieb natürlich in der Loge.”

1918 übernahm die Stadtgemeinde Gmunden das Haus, ab 1913 diente es auch als Kino, und ab 1931 liefen zudem Tonfilme. 1997 wurde es umfassend renoviert, der große Saal nach historischem Vorbild wiederhergestellt, ein Kinosaal integriert.

Das Ergebnis ist ein Gründerzeittheater mit Galerie und Logen, das etwa 400 Personen fasst und eine Akustik hat, die man sich für viele größere Häuser wünschen würde. Besonders aus den gut angeordneten Logenplätzen scheint man einen guten Blick zu haben.

Seit 2014 ist das Stadttheater Gmunden Heimat des Musical Frühling – initiiert von Markus Olzinger, Elisabeth Sikora und dem Dirigenten Caspar Richter.

Rund um den glücklichen See

Der Traunsee ist nicht umsonst der “felix lacus”, der glückliche See. Ein paar Tipps für rund um den Musical Frühling Gmunden.

Weitere Theatertipps – Reisen mit Kultur

Hier eine Auswahl jener Theaterstädte, Bühnen und Festspiele, über die ich auf wiederunterwegs.com bereits ausführlich geschrieben habe, einfach in die Suche auf wiederunterwegs.com eingeben.

u.v.m


HINWEIS: Dieser persönliche Bericht entstand nach meinem Besuch am Ostermontag, 6. April 2026. Mir wurde dazu eine Pressekarte zur Verfügung gestellt.

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