Auch das ist Nürnberg

Vom Saal 600 zum Doku-Zentrum

by Angelika Mandler-Saul

Es waren wunderschöne und stimmige Tage in Nürnberg am Christkindlesmarkt und in der weihnachtlichen Stadt an der Pegnitz. Und doch: Auch jene Rolle Nürnbergs, die die Stadt in der jüngeren Geschichte gespielt hat, wollte ich nicht außer Acht lassen. Deswegen: Besuche im Saal 600 des Justizpalasts und im Doku-Zentrum waren für mich ein Muss.

saal 600
Saal 600 – Schauplatz der Nürnberger Prozese und Folgeprozesse

Die andere Seite Nürnbergs

In Nürnberg wurden nach dem 2. Weltkrieg nicht nur die „Nürnberger Prozesse“ und ihre jahrelang andauernden Nachfolgeprozesse, sondern zuvor auch zwischen 1933 und 1938 die hochinszenierten und pompösen Reichsparteitage der Nationalsozialisten abgehalten. Der für 1939 geplante „Reichsparteitag des Friedens“ wurde abgesagt – wegen des Kriegsbeginns. Beide Locations kann man mit der Nürnberg CityCard gratis besuchen, vorort informiert man sich auch noch mit Audio Guide oder Smartphone App. Dabei waren Dutzendteich und Zeppelinfeld einst zur Belustigung der Menschen da gewesen.

Der einst harmlose Dutzendteich: Alltagsvergnügen

In den 1920er Jahren kam man hierher zum Anbaden und Pritscheln, zum Bootfahren und Einkehren in die Gastwirtschaften – wie etwa am Berliner Wannsee auch. Harmlose Vergnügen in einer schön angelegten Landschaft mit Sportstätten, Leuchtturm und Tiergarten.

Ab 1933 wurde dieses Idyll systematisch für die Baupläne der Nazis mit Architekt Speer zerstört: Man wollte Platz schaffen für monumentale Bauwerke, Straßen und Plätze. Rund um den Dutzendteich kann man heute per Web-App am Handy (ich hatte mir etwas mehr Augmented Reality erwartet) die Reste der Bauten richtiggehend erwandern. Ich habe bei meinem Besuch die ganze Runde absolviert: Von der Interimsausstellung 2025 in der Kongresshalle (heute teils wieder Baustelle) über den Parkplatz (einst „Die große Straße“ mit 60 Metern Breite als Verbindung von Märzfeld bis Nürnberger Burg) bis hin zum Zeppelinfeld und dessen Tribünen.

Wo einst der Zeppelin landete: Aufregung

Graf Ferdinand von Zeppelin landete sein Luftschiff im August 1909 auf jener Wiese beim Dutzendteich, die 25 Jahre später von den Nazis vereinnahmt wurde als Arena, Parade- und Aufmarschplatz, als Location für Leni Riefenstahls Propagandafilm. Gemeinsam mit der Freizeitkulisse des Dutzendteichs war das Rayon mit Kleingärten, Bädern und Restaurationen dort bis in die 1920er Jahre hochbeliebt gewesen.

dutzendteich nürnberg
Dutzendteich im Winter 2025

Danach diente das Zeppelinfeld mit der monströsen Tribüne und dem riesigen Hakenkreuz in der Mitte als Dreh- und Angelpunkt des Reichsparteitages – 1934 von Leni Riefenstahl hochdramatisch in Szene gesetzt, der Film ab 1935 vom NSDAP Filmverleih medial verbraten sowie propagandatechnisch zur „politischen Bildung“ eingesetzt.

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Der Saal 600 der Nürnberger Prozesse besichtigen

Ich habe einiges über die Nürnberger Prozesse gelesen und im TV gesehen, nicht zuletzt Marlene Dietrich in „Das Urteil von Nürnberg“ (1961). Ich wollte unbedingt in jenen Schiedgerichtssaal mit der Nummer 600, in dem die 24 Hauptkriegsverbrecher beim ersten der Nürnberger Prozesse verurteilt wurden. Der legendäre amerikanische Hauptankläger Robert Jackson sagte in seiner damals vielbeachteten Eröffnungsrede zum Prozess wie folgt: „Dass vier große Nationen, erfüllt von ihrem Siege und schmerzlich gepeinigt von dem geschehenen Unrecht, nicht Rache üben, sondern ihre gefangenen Feinde freiwillig dem Richtspruch des Gesetzes übergeben“, sei „eines der bedeutsamsten Zugeständnisse, das die Macht jemals der Vernunft eingeräumt hat“.

Saal 600 Führung Nürnberger Prozesse
Saal 600

Damit legte er den Grundstein für das moderne Völkerrecht: Erstmals in der Geschichte wurden Kriegsverbrecher einem geordneten Verfahren unterworfen, nicht der willkürlichen Siegerjustiz. Diese Tatsache wird heute während der täglich mehrmals stattfindenden Medieninstallation „Zeitreise Saal 600“ aus heutiger Sicht und mit heutigem Wissen nochmals beleuchtet. Dazu wird der Saal aus 1945 teilweise digital rekonstruiert, sodass man sich im Geschehen von damals wähnt und einen guten Einblick in die damaligen Verhältnisse mit den Simultanübersetzern (erstmals in der Geschichte), den Presse-Zuhörern, den Verteidigern vor den Angeklagten und den internationalen Anklägern und Richtern bekommt.

Dazu kann man mit Audioguide (bitte den an der Kassa auch nehmen, wenn man deutsch spricht!) im Zuschauerraum des Saal 600 nachhören, was für und nach dem Prozess 600 im Saal verändert wurde. Danach geht es in die superspannende Ausstellung, für die man viel Zeit einplanen sollte. Eine Führung ist noch besser. Aber auch mit Audio Guide ist man sehr gut bedient, wenn er auch leider nicht bei allen Stationen funktioniert. Ein Muss bei jedem Nürnberg Besuch, wie ich meine.

Ob die Damen an der Kasse jedoch jemals oben in der Ausstellung waren, möchte ich an dieser Stelle ehrlich bezweifeln.

Zeugenhaus und Pressezentrum

Stolperstein Nürnberg

„Hitlers Fotograf“ Heinrich Hoffmann (geboren in Fürth/Nürnberg), zuständig auch für die meisten Fotos vom Reichsparteitagsgelände, sitzt, besucht von seiner Tochter Henriette (der Ehefrau Baldur von Schirachs), anderen Nazis, KZ-Opfern, dem ehem. Gestapo-Gründer und Flüchtlingen sowie Zeugen von Anklage und Verteidigung – während des Nürnberger Prozesses im sogenannten „Zeugenhaus“. Alle sitzen im selben Haus und warten auf die Anhörung. Gemeinsam. An einem Tisch. Das Buch „Das Zeugenhaus“ und der dazugehörende Film mit Iris Berben geben einen verstörenden Einblick in diese Zeit.

Gleichzeitig tummelt sich die internationale Presse im Schloss des „Bleistift-Kaisers“, Graf Faber-Castell. Gefeiert wird damals auch: im notdürftig in Stand gesetzen Grand Hotel beim Hauptbahnhof in Nürnberg.

Dort übrigens sehe ich bei meinem Nürnberg-Besuch eine Gedenktafel beim Eingang – für ganz etwas anderes: 1910 war der schöne Jugendstilsaal im heutigen Le Méridien Grand Hotel Nürnberg Tagungsort des zweiten psychoanalytischen Kongresses, auf dem die Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet wurde: Freud, Adler, Jung. Auch das war Nürnberg.

Das Grand Hotel in Nürnberg

Mit der Nürnberg CityCard in den Gerichtssaal 600


Im Doku-Zentrum und am Zeppelinfeld

Mit Bus und Tram fahre ich Richtung Doku-Zentrum. So nennen sich die Überreste des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes heute: Monumentalbauten wie die nie fertiggestellte Kongresshalle, die Zeppelinfeld-Tribünen und das von Speer geplante Stadion für 400.000 (!) Besucher.

Ja, man kann das ehemalige Reichsparteitagsgelände besichtigen

eingang doku zentrum nürnberg kongresshalle
Doku-Zentrum Nürnberg

In einer übersichtlichen Interimsausstellung in der Kongresshalle erfährt man mehr über die Nutzung durch die Nationalsozialisten. Die große Wiedereröffnung der Dauerausstellung ist für 2026 geplant. Mit App am Handy gibts mehr Infos, wer zufällig Kopfhörer mithat, ist im Vorteil.

Dort, wo ich bei meinem Besuch auf den Überresten der Zuschauertribüne beim Zeppelinfeld stehe, saßen im September 1937 abends etwa tausende Menschen, die bei einer nächtlichen Kundgebung mit „Lichtdom“ dabei waren. Das sehe ich auf Fotos während meiner Recherche. Weitere Rituale der Reichsparteitage: Reden, Militärparaden, Volksfeste, Feuerwerke, Aufmärsche und sogar Opernaufführungen und Konzerte.

Am 22. April 1945 sprengen die Amerikaner das Hakenkreuz auf der Haupttribüne während ihrer Siegesparade am Zeppelinfeld. Wenn ich mir die Bilder über die Google Digital-Plattform von damals ansehe, erkenne ich erst die Ausmaße von damals. Als ich im Herbst 2025 über das riesige Gelände wandere, ist aber fast allerorten Baustelle: Auch am Zeppelinfeld.

Interessante Info abseits: 1955 nutzten u.a. die Zeugen Jehovas das Zeppelinfeld für ihren Weltkongress. Auch Motorrad- und Autorennen fanden danach hier statt – 1978 sang Bob Dylan hier.

Führungen buchen: Doku-Zentrum und Saal 600 Nürnberg


Die Zukunft: Unbequeme Baustelle

Heute wird das historisch belastete Gelände beim Dutzendteich teilweise wieder (wie in den 1920er Jahren) für die Freizeitgestaltung genutzt: Zum Laufen, Spazierengehen und Radeln – ich glaube, es ist so längst „entmystifiziert“. Der Zirkus gastiert auf dem großen Parkplatz der einstigen „Großen Straße“, vereinzelt stehen Campingbusse am Parkplatz.

Im Inneren Hof der ehemaligen Kongresshalle entsteht gerade ein zunächst provisorisches Opernhaus des Staatstheaters Nürnberg. Das schöne Opernhaus in der City von 1905 muss nämlich restauriert werden. Und auch das Zeppelinfeld wird gerade saniert: Bis 2030 soll hier ein neuer Gedenk- und Begegnungsort entstehen. Kein Tag zu früh.

Am Dutzendteich. Blick auf Kongresshalle und Baustelle
Blick von der Zeppelintribüne aufs Zeppelinfeld
Einige INfotafeln am Gelände des Doku-Zentrums

Recherche und Lese-Tipps


HINWEIS: Ich habe die obgenannten Orte im Rahmen einer entgeltlichen Kooperation (Nürnberg City-Trip) mit der Deutschen Zentrale für Tourismus in Wien in Zusammenarbeit mit Nürnberg Tourismus besichtigt.

1 comment

andreas 16. Dezember 2025 - 21:58

Nürnberg bietet sich richtiggehend an für einen Städtetrip. Von Wien aus auch mit der Bahn bequem machbar.

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