Es waren wunderschöne und stimmige Tage in Nürnberg am Christkindlesmarkt und in der weihnachtlichen Stadt an der Pegnitz. Und doch: Auch jene Rolle Nürnbergs, die die Stadt in der jüngeren Geschichte gespielt hat, wollte ich nicht außer Acht lassen. Deswegen: Besuche im Saal 600 des Justizpalasts und im Doku-Zentrum waren für mich ein Muss.

Inhaltsverzeichnis
Die andere Seite Nürnbergs
Aktualisiert im Oktober 2026
In Nürnberg wurden nach dem 2. Weltkrieg nicht nur die “Nürnberger Prozesse” und ihre jahrelang andauernden Nachfolgeprozesse, sondern zuvor auch zwischen 1933 und 1938 die hochinszenierten und pompösen Reichsparteitage der Nationalsozialisten abgehalten.
Nürnberg: Saal 600 und Dokuzentrum
Nürnberg war von 1933 bis 1938 Schauplatz der Reichsparteitage der NSDAP und ab 1945 der Nürnberger Prozesse. Daran erinnern heute das Memorium mit dem Saal 600 und das Dokuzentrum am ehemaligen Reichsparteitagsgelände.
Der für 1939 geplante “Reichsparteitag des Friedens” wurde abgesagt – wegen des Kriegsbeginns. Beide Locations kann man mit der Nürnberg Card gratis besuchen, vorort informiert man sich auch noch mit dem inkludierten Media als Teil der APP “Memorium Nuremberg Trials”. Mein Tipp: Reisebloggerin Elena Paschinger war im neuen Dokuzentrum zu Besuch und hat am Blog ihre Eindrücke dazu geschildert.
Der einst harmlose Dutzendteich: Alltagsvergnügen
Dabei waren Dutzendteich und Zeppelinfeld einst zur Belustigung der Menschen da gewesen.
In den 1920er Jahren kam man hierher zum Anbaden und Pritscheln, zum Bootfahren und Einkehren in die Gastwirtschaften – wie etwa am Berliner Wannsee auch. Harmlose Vergnügen in einer schön angelegten Landschaft mit Sportstätten, Leuchtturm und Tiergarten.
Ab 1933 wurde dieses Idyll systematisch für die Baupläne der Nazis mit Architekt Speer zerstört: Man wollte Platz schaffen für monumentale Bauwerke, Straßen und Plätze. Rund um den Dutzendteich kann man heute per Web-App am Handy (ich hatte mir etwas mehr Augmented Reality erwartet) die Reste der Bauten richtiggehend erwandern.
Ich habe damals bei meinem Besuch die ganze Runde absolviert: Von der 2026 neu eröffneten Dauerausstellung in der Kongresshalle über den Parkplatz (einst “Die große Straße” mit 60 Metern Breite als Verbindung von Märzfeld bis Nürnberger Burg) bis hin zum Zeppelinfeld und dessen Tribünen – ausgerichtet auf die Kaiserburg.



Wo einst der Zeppelin landete: Aufregung
Graf Ferdinand von Zeppelin landete sein Luftschiff im August 1909 auf jener Wiese beim Dutzendteich, die 25 Jahre später von den Nazis vereinnahmt wurde als Arena, Parade- und Aufmarschplatz, als Location für Leni Riefenstahls Propagandafilm. Gemeinsam mit der Freizeitkulisse des Dutzendteichs war das Rayon mit Kleingärten, Bädern und Restaurationen dort bis in die 1920er Jahre hochbeliebt gewesen.

Danach diente das Zeppelinfeld mit der monströsen Tribüne und dem riesigen Hakenkreuz in der Mitte als Dreh- und Angelpunkt des Reichsparteitages – 1934 von Leni Riefenstahl hochdramatisch in Szene gesetzt, der Film ab 1935 vom NSDAP Filmverleih medial verbraten sowie propagandatechnisch zur “politischen Bildung” eingesetzt.
Der Saal 600 der Nürnberger Prozesse besichtigen
Ich habe einiges über die Nürnberger Prozesse gelesen und im TV gesehen, nicht zuletzt Marlene Dietrich in “Das Urteil von Nürnberg” (1961). Ich wollte unbedingt in jenen Schwurgerichtssaal mit der Nummer 600, in dem die 24 Hauptkriegsverbrecher beim ersten der Nürnberger Prozesse angeklat wurden.
Der legendäre amerikanische Hauptankläger Robert Jackson sagte in seiner damals vielbeachteten Eröffnungsrede zum Prozess wie folgt: „Dass vier große Nationen, erfüllt von ihrem Siege und schmerzlich gepeinigt von dem geschehenen Unrecht, nicht Rache üben, sondern ihre gefangenen Feinde freiwillig dem Richtspruch des Gesetzes übergeben“, sei „eines der bedeutsamsten Zugeständnisse, das die Macht jemals der Vernunft eingeräumt hat“.

Damit legte er den Grundstein für das moderne Völkerstrafrecht: Erstmals in der Geschichte wurden Kriegsverbrecher einem geordneten Verfahren unterworfen, nicht der willkürlichen Siegerjustiz.
Memorium Nürnberger Prozesse: Saal 600
Diese Tatsache wird heute während der täglich mehrmals zu fixen Zeiten stattfindenden Medieninstallation “Zeitreise Saal 600” aus heutiger Sicht und mit heutigem Wissen nochmals beleuchtet. Dazu wird der Saal aus 1945 teilweise digital rekonstruiert, sodass man sich im Geschehen von damals wähnt und einen guten Einblick in die damaligen Verhältnisse mit den Simultanübersetzern (erstmals in der Geschichte), den Presse-Zuhörern, den Verteidigern vor den Angeklagten und den internationalen Anklägern und Richtern bekommt.








Dazu kann man mit Audioguide (bitte den an der Kassa auch nehmen, wenn man deutsch spricht, bringt was!) im Zuschauerraum des Saal 600 nachhören, was für und nach dem Prozess 600 im Saal verändert wurde. Danach geht es in die superspannende Ausstellung, für die man viel Zeit einplanen sollte. Eine Führung ist noch besser. Aber auch mit Audio Guide ist man sehr gut bedient, wenn er auch leider nicht bei allen Stationen funktioniert. Ein Muss bei jedem Nürnberg Besuch, wie ich meine.
Ob die bei meinem Besuch an der Kasse arbeitenden Bediensteten jedoch jemals oben in der Ausstellung waren, möchte ich an dieser Stelle ehrlich bezweifeln.



Zeugenhaus und Pressezentrum

“Hitlers Fotograf” Heinrich Hoffmann (geboren in Fürth/Nürnberg), zuständig auch für die meisten Fotos vom Reichsparteitagsgelände, sitzt, besucht von seiner Tochter Henriette (der Ehefrau Baldur von Schirachs), anderen Nazis, KZ-Opfern, dem ehem. Gestapo-Gründer und Flüchtlingen sowie Zeugen von Anklage und Verteidigung – während des Nürnberger Prozesses im sogenannten “Zeugenhaus”. Alle sitzen im selben Haus und warten auf die Anhörung. Gemeinsam. An einem Tisch. Das Buch “Das Zeugenhaus” und der dazugehörende Film mit Iris Berben geben einen verstörenden Einblick in diese Zeit.
Gleichzeitig tummelt sich die internationale Presse im Schloss des “Bleistift-Kaisers”, Graf Faber-Castell. Gefeiert wird damals auch: im notdürftig in Stand gesetzen Grand Hotel beim Hauptbahnhof in Nürnberg.
Dort übrigens sehe ich bei meinem Nürnberg-Besuch eine Gedenktafel beim Eingang – für ganz etwas anderes: 1910 war der schöne Jugendstilsaal im heutigen Le Méridien Grand Hotel Nürnberg Tagungsort des zweiten psychoanalytischen Kongresses, auf dem die Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet wurde: Freud, Adler, Jung. Auch das war Nürnberg.

Touren in Nürnberg vorab buchen: Auch aufs Reichsparteitagsgelände
Geführte Touren in Nürnberg und die Nürnberg Card
Die Nürnberg Card gilt 48 Stunden: freie Fahrt mit Bus, Tram, U- und S-Bahn in Zone A und einmaliger freier Eintritt in rund 30 Museen und Sehenswürdigkeiten, darunter Dokuzentrum und Memorium mit Saal 600. Bei Partnern gibt es 50 % Ermäßigung. Wenn du das Gelände und die Prozesse lieber mit Guide erkunden willst:
* Affiliate-Link, keine Mehrkosten für dich
Im Doku-Zentrum und am Zeppelinfeld
Mit Bus und Tram fahre ich Richtung Doku-Zentrum – das Museum in Nordflügel der nie fertiggestellten Kongresshalle des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes heute: Monumentalbauten wie auch Zeppelinfeld-Tribünen und das von Speer geplante Stadion für über 400.000 (!) Besucher.
Dokuzentrum Reichsparteitagsgelände: die neue Dauerausstellung
Ja, man kann das ehemalige Reichsparteitagsgelände besichtigen

In einer seit 2026 neu eröffneten Dauerausstellung in der Kongresshalle erfährt man mehr über die Nutzung durch die Nationalsozialisten. Mit App am Handy gibts mehr Infos, wer zufällig Kopfhörer mithat, ist im Vorteil.
Dort, wo ich bei meinem Besuch auf den Überresten der Zuschauertribüne beim Zeppelinfeld stehe, saßen im September 1937 abends etwa tausende Menschen, die bei einer nächtlichen Kundgebung mit “Lichtdom” dabei waren. Das sehe ich auf Fotos während meiner Recherche. Weitere Rituale der Reichsparteitage: Reden, Militärparaden, Volksfeste, Feuerwerke, Aufmärsche und sogar Opernaufführungen und Konzerte.
Am 22. April 1945 sprengen die Amerikaner das Hakenkreuz auf der Haupttribüne nach ihrer Siegesparade am Zeppelinfeld. Wenn ich mir die Bilder über die Google Digital-Plattform von damals ansehe, erkenne ich erst die Ausmaße von damals. Als ich im Herbst 2025 über das riesige Gelände wandere, ist aber fast allerorten Baustelle: Auch am Zeppelinfeld.
Interessante Info abseits: 1955 nutzten u.a. die Zeugen Jehovas das Zeppelinfeld für ihren Weltkongress. Auch Motorrad- und Autorennen fanden danach hier statt – 1978 sang Bob Dylan hier.







Die Zukunft: Unbequeme Baustelle
Heute wird das historisch belastete Gelände beim Dutzendteich teilweise wieder (wie in den 1920er Jahren) für die Freizeitgestaltung genutzt: Zum Laufen, Spazierengehen und Radeln – ich glaube, es ist so längst “entmystifiziert”. Der Zirkus gastiert auf dem großen Parkplatz der einstigen “Großen Straße”, vereinzelt stehen Campingbusse am Parkplatz.



Im Inneren Hof der ehemaligen Kongresshalle entsteht gerade ein zunächst provisorisches Opernhaus des Staatstheaters Nürnberg. Das schöne Opernhaus in der City von 1905 muss nämlich restauriert werden. Und auch das Zeppelinfeld wird gerade saniert: Bis 2030 soll hier ein neuer Gedenk- und Begegnungsort entstehen. Kein Tag zu früh.
Update 2026: Der Rohbau des neuen Hauses für Oper, Ballett und Konzert des Staatstheaters steht bereits.



Recherche und Lese-Tipps
- Über den Opern-Neubau: Die Süddeutsche mit interessanten Einblicken
- Dokumente der Zeit, Deutsche Digitale Bibliothek
- Museen Nürnberg
- “Das Zeugenhaus”; FILM*
- “Das Zeugenhaus. Nürnberg 1945: Als Täter und Opfer unter einem Dach zusammentrafen”, Christiane Kohl, 2005
- “Der Nürnberger Prozess”, Standardwerk von Heydecker et.al., 2015
❓ Häufige Fragen: Saal 600 und Dokuzentrum Nürnberg
Kann man den Saal 600 in Nürnberg besichtigen?
Ja. Seit 1. März 2020 finden im Saal 600 keine Gerichtsverhandlungen mehr statt, du besichtigst ihn im Rahmen des Memoriums Nürnberger Prozesse. Bei Veranstaltungen kann er geschlossen sein, die Dauerausstellung ist trotzdem immer zugänglich. Dienstags ist das ganze Haus geschlossen.
Was kostet der Eintritt ins Memorium und ins Dokuzentrum?
Beide Häuser kosten 7,50 Euro für Erwachsene und 2,50 Euro ermäßigt. Im Dokuzentrum ist der Media-Guide im Preis enthalten.
Ist der Eintritt mit der Nürnberg Card frei?
Ja, Dokuzentrum und Memorium sind bei der Nürnberg Card dabei. Sie gilt 48 Stunden, ermöglicht einmaligen freien Eintritt in rund 30 Museen und Sehenswürdigkeiten und freie Fahrt mit den Öffis in Zone A. Sonderausstellungen sind nicht inklusive.
Was ist im Dokuzentrum Reichsparteitagsgelände neu?
Seit 22. Mai 2026 läuft die neue Dauerausstellung „Nürnberg und die Reichsparteitage” im Probebetrieb, der Festakt zur offiziellen Eröffnung ist am 4. November 2026. Sie hat 1.600 m², über 250 Objekte und 25 interaktive Medienstationen.
Wie lange dauert ein Besuch im Dokuzentrum?
Das Haus nennt rund 2 Stunden. Die Audiotour mit dem Media-Guide dauert etwa 90 Minuten und ist in neun Sprachen verfügbar.
Wie komme ich zum Dokuzentrum?
Mit Tram 6 oder 8 bis zur Haltestelle Doku-Zentrum direkt vor dem Eingang. Wegen Bauarbeiten fahren die beiden Linien derzeit nicht durchgehend, es gibt Ersatzbusse. Alternativ fährst du mit Tram 7 oder 10 bzw. der S2 bis Dutzendteich.
Kann man das ehemalige Reichsparteitagsgelände besichtigen?
Ja, der Rundgang führt an 23 Stelen mit Informationstafeln vorbei. Teile von Zeppelinfeld und Zeppelintribüne sind wegen der Sanierung derzeit nicht zugänglich, die Fertigstellung des Lern- und Begegnungsorts ist für 2030 geplant.
Was gibt es in Nürnberg außer den NS-Orten zu sehen?
Altstadt, Kaiserburg, Kasematten und Museen, im Advent dazu der Christkindlesmarkt. Meine Tipps dazu findest du im Nürnberg City Trip: Mit und ohne Christkind.
HINWEIS: Ich habe die obgenannten Orte im Rahmen einer entgeltlichen Kooperation (Nürnberg City-Trip) mit der Deutschen Zentrale für Tourismus in Wien in Zusammenarbeit mit Nürnberg Tourismus besichtigt. Aktualisiert 2026.

1 comment
Nürnberg bietet sich richtiggehend an für einen Städtetrip. Von Wien aus auch mit der Bahn bequem machbar.